Immer mehr Menschen in Deutschland leben in Armut. Die Zahl habe einen neuen Höchststand erreicht, heißt es im Jahresbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands und anderer Organisationen. Im Jahr 2015 habe die Armutsquote bei 15,7 Prozent gelegen. Das bedeute, dass rein rechnerisch 12,9 Millionen Deutsche arm seien, also unter 60 Prozent des mittleren Einkommens haben.

Der Bericht ermöglicht erstmals einen Zehnjahresvergleich (2005–2015). Er zeigt eine deutliche Abnahme der Armutsquote im Osten Deutschlands, in den westdeutschen Bundesländern und in Berlin stieg sie hingegen an – mit Ausnahme Bayerns und Hamburgs, wo sie nahezu stabil blieb.  

Bei allen bekannten Risikogruppen hat die Armut im Vergleich zum Vorjahr demnach noch einmal zugenommen: Bei Erwerbslosen auf 59 Prozent, bei Alleinerziehenden auf 44 Prozent, bei kinderreichen Familien auf 25 Prozent, bei Menschen mit niedrigem Qualifikationsniveau auf 32 Prozent und bei Ausländern auf 34 Prozent.

Alarmierend sei im Zehnjahresvergleich insbesondere die Armutsentwicklung bei Rentnern. Ihre Armutsquote stieg zwischen 2005 und 2015 von 10,7 auf 15,9 Prozent und damit um 49 Prozent.

Im Bundesschnitt lag die Quote vor zehn Jahren bei 14,7 Prozent, einen Punkt niedriger als 2015. Bis 2o10 war sie gesunken, seitdem steigt sie wieder. Die Entwicklung markiere "einen neuen Höchststand im vereinten Deutschland", schreiben die Autoren der Untersuchung. Der Bericht nutzt den in offiziellen Statistiken verwendeten sogenannten relativen Einkommensarmutsbegriff. Demnach gelten alle Menschen als arm, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesellschaft verfügen, in der sie leben. Diese Armutsdefinition ist nicht unumstritten, einige Experten halten sie für zu weit gefasst.

Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen, Ulrich Schneider, verteidigte den Maßstab gegen Kritik. Er zeige genau, ab wann Menschen aus finanzieller Not von gesellschaftlichen Aktivitäten ausgeschlossen würden.

Der Verband forderte ein Einschreiten des Staats, um die Armutsentwicklung umzukehren. Es sei Zeit für einen "sozial- und steuerpolitischen Kurswechsel". Erforderlich seien eine andere Steuer- und Finanzpolitik sowie Maßnahmen beim Wohnungsbau, in der Arbeitsmarktpolitik und beim Ausbau sozialer Dienste, sagte Schneider.