Heute beginnt der Brexit. Tim Burrow, britischer EU-Botschafter in Brüssel, wird um 13:20 Uhr das Austrittsgesuch an EU-Ratspräsident Donald Tusk übergeben und so die Verhandlungen einläuten. Die Europäische Union, aber auch die britische Regierung betreten damit ein völlig unbekanntes Gebiet. Desintegration war bislang nicht vorgesehen. Die EU kannte nur das Gegenteil: immer tiefere Integration. Unter diesen Umständen einen tragfähigen Kompromiss zu finden, wird sehr schwer werden.

Beide Parteien haben keine leichte Position. Auf der einen Seite steht die Europäische Union: Falls sie zu schnell nachgibt und den Briten erneut Sonderkonditionen einräumt, könnten andere Staaten versucht sein, dem britischen Beispiel zu folgen.

Deshalb muss die EU hart auftreten. Michel Barnier, der Verhandlungsführer der EU-Kommission, hat sich bereits entsprechend geäußert. Das hat nichts mit Bestrafung zu tun, wie die Hardliner in der britischen Regierung meinen. Die Vorteile einer Wirtschaftsgemeinschaft kann nur genießen, wer auch die notwendigen Verpflichtungen akzeptiert. Alles andere würde die EU ad absurdum führen.

Auch angesichts des wachsenden Nationalismus in Europa sollte die EU nicht zu sehr nachgeben. Hat doch die Leave-Kampagne in Großbritannien gezeigt, wie man mit Halbwahrheiten und blanken Lügen über Brüssel Volksabstimmungen gewinnt. Das sollte nicht belohnt werden.

Eine Trennung im Streit aber träfe nicht nur die britische Wirtschaft. Die deutschen Exporteure und die 2.500 deutschen Unternehmen, die in Großbritannien handeln und produzieren, würden ebenfalls leiden. Mancher Ökonom fürchtet angesichts des Brexit sogar wieder steigende Zinsen in den angeschlagenen südeuropäischen Euroländern.

Mays unrealistische Träume

Auf der anderen Seite steht die Regierung von Premierministerin Theresa May. Sie hat bereits im Januar verkündet, dass sie Großbritannien vollständig aus der EU führen will. Großbritannien würde damit nicht nur den europäischen Wirtschaftsraum, sondern auch die Zollunion verlassen. Ganz ohne europäische Anbindung wird das aber nicht funktionieren.

So oder so wird die britische Wirtschaft den Austritt nur schwer verdauen: Immerhin verkauft sie mehr als 40 Prozent ihrer Exporte in die EU. May aber träumt von einem globalen Großbritannien, das mit allen Ländern der Welt – und natürlich auch mit der EU – neue, bilaterale Handelsverträge schließt. Doch solche Verträge auszuhandeln, dauert  Jahre – und dem kleinen Großbritannien wird es schwerfallen, für sich ähnlich vorteilhafte Konditionen herauszuschlagen wie die große EU.

Eine über Jahre hinweg falsche nationale Wirtschaftspolitik, die keine Idee hatte, was an die Stelle der sterbenden Schwerindustrie treten könnte, die den produzierenden Mittelstand vergaß und einseitig den Finanzplatz London förderte, wird durch einen Brexit nicht behoben. Im Gegenteil: Er könnte alles  viel schlimmer machen.

Brexit - Was bisher geschah Wäre der Brexit eine US-amerikanische TV-Serie, Sie hätten in der ersten Staffel einiges verpasst. Ein Rückblick und Ausblick auf den nächsten Teil des EU-Austritts