Theresa May kann triumphieren. Trotz scharfer Kritik hat die britische Premierministerin Wort gehalten: Nach 42 Jahren Mitgliedschaft verlässt Großbritannien die Europäische Union. Sie strebe eine "tiefe Partnerschaft" mit der EU an, sagte sie in einer Rede im Parlament in London.

In Berlin hieß es einmal, man hoffe, dass Großbritannien nicht aus einem "dummen Zufall" die EU verlassen werde. Jetzt ist es so weit. Allerdings ist es kein dummer Zufall. Der geplante Austritt Großbritannien ist ein konsequenter, wenn auch grundfalscher Schritt. Die beiden ehemaligen britischen Premierminister Edward Heath und Margaret Thatcher hatten Großbritannien in die Europäische Gemeinschaft und später EU geführt, um ihren politischen Einfluss in Europa zu sichern. Großbritannien sollte die Vorteile des gemeinsamen Marktes nutzen. Oder genauer: benutzen. So wie es Großbritannien seit Jahrhunderten getan hatte, finanziert von Londoner Banken. Nur gab und gibt es einen großen Unterschied, den viele Briten bis heute nicht begreifen: Die EU ist eine Gemeinschaft souveräner Staaten, keine Kolonie. Die Mitglieder geben für eben diese Gemeinschaft einen Teil ihrer Eigenständigkeit ab.

Dazu waren die Briten nicht wirklich bereit. Und die Hoffnung Großbritanniens hat sich nie erfüllt, die EU als stetige Quelle lukrativer Deals zu nutzen. Daher ist die Abkehr von der EU folgerichtig. Nur wird dabei geflissentlich unterschlagen, dass die großen Probleme Großbritanniens nichts mit einem Souveränitätsverzicht zugunsten der EU zu tun haben. Sie sind vollständig hausgemacht.

Wer immer weniger produziert, verdient weniger und muss sich mit einem sinkenden Lebensstandard abfinden. Das passiert nicht von heute auf morgen, sondern schleichend. Gemessen wird das an der Produktivität eines Landes. Großbritannien hinkt hier seit Jahrzehnten den anderen großen Industrieländern hinterher. Seit der Finanzkrise schneidet von den G7-Staaten nur Italien schlechter ab.

Die verarbeitende Industrie macht in Großbritannien nur noch zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Dafür boomt der Dienstleistungssektor und kommt mittlerweile auf einen BIP-Anteil von 80 Prozent. Eine Elite in der Finanz- und Dienstleistungswelt kassiert mehr ab als je zuvor. Aber ein großer Teil der Beschäftigten schafft es angesichts niedriger Löhne und mangelnder sozialer Absicherung nicht mehr, seinen Lebensstandard zu halten. Der Unmut der Briten über die Situation hat über Jahre zugenommen. 

Die britische Wirtschaftspolitik (egal ob von Labour oder den Konservativen) hat sich mit dieser Entwicklung, wenn überhaupt, nur am Rande auseinandergesetzt.

Auf der Suche nach Lösungen bleibt jetzt nur der EU-Austritt. In der EU hat es ja offenbar nicht funktioniert. Dabei zeigt doch Deutschland, dass man – auch als Mitglied der EU – hervorragend Geschäfte machen und der Bevölkerung eine gute Sozialabsicherung und einen recht vernünftigen Lebensstandard bieten kann. Warum ist dies in Großbritannien so viel schwieriger?

Theresa May setzt Artikel 50 in Kraft Neun Monate nach der Abstimmung über den Brexit hat die Premierministerin den Antrag unterzeichnet. Der Brief soll am Mittwoch in Brüssel übergeben werden. Danach bleiben zwei Jahre Zeit, um die Bedingungen des Austritts auszuhandeln. © Foto: Christopher Furlong/Getty Images

Alles auf London zugeschnitten

Keine westliche Demokratie wird so zentralistisch von der Hauptstadt London aus gesteuert wie Großbritannien. Margaret Thatcher nahm den Regionen die Haushaltsmittel und Machtbefugnisse, mit der beispielsweise der Norden Englands dem Niedergang der Schwerindustrie hätte entgegensteuern können. Großbritannien hat keinen Föderalismus, der die Wirtschaftskraft – und damit auch den Lebensstandard – relativ gleichmäßig über das Land verteilt. Die Infrastruktur des Landes ist ganz auf London zugeschnitten. Wer dies ändern will, muss den Zentralismus abbauen und viel in die britische Infrastruktur investieren. Die liberal-konservative Regierung unter David Cameron hat 2010 damit begonnen – Manchester, Liverpool, Leeds, Sheffield und Newcastle holten daraufhin wieder auf. Aber diese Politik kam eine Generation zu spät.

Es wurden in der Vergangenheit noch andere Fehler gemacht: Die Rahmenbedingungen für die Ausbildung von Lehrlingen durch Berufsschulen wurden in der Thatcher-Zeit abgeschafft. Heute ist eine ganze Generation von schlecht ausgebildeten Arbeitern von Sozialleistungen abhängig und hofft, dass ihnen der Brexit neue Jobs bringt.

Der Industrie und dem Handwerk hingegen fehlen die Facharbeiter. Anstatt das eigene Ausbildungssystem wieder aufzubauen, öffnete die Regierung von New Labour unter Tony Blair im Mai 2004 den britischen Arbeitsmarkt für die neuen Mitgliedsstaaten der EU. Großbritannien hätte damit sieben Jahre warten können. Aber das Land brauchte die billigen Arbeitskräfte. Heute sind Hunderttausende von Polen unabkömmlich im Bau, im Handwerk, in der Landwirtschaft und im Restaurant- und Hotelgewerbe. Seit die konservative Regierung an der Macht ist, gibt es wieder mehr Lehrlings- und Meisterausbildungen, aber für viele kommt das zu spät.