Für die Serie Heimatreporter besuchen Redakteure von ZEIT und ZEIT ONLINE die Orte, in denen sie aufgewachsen sind. Die Serie ist Teil unseres neuen Ressorts #D17.

Weitere Informationen über das Projekt #D17

Der enge Hohlweg schlängelt sich bergan aus dem Ort heraus, scheinbar nach nirgendwo. Aber Lokman Kocak hat er in die weite Welt geführt, denn am Ende dieses Weges wartete ein Weltenbummler-Job auf ihn. Nach dem letzten Schlagloch, hinter der letzten Kurve taucht eine dreistöckige Glasfront mit rot umrahmtem Eingang auf, dahinter erstrecken sich blitzblankweiße Fabrikhallen. Der Blick geht über die Hügel der Osteifel.

Es ist ein Donnerstag im März und der Projektingenieur Kocak bereitet sich auf seinen nächsten Einsatz vor. "Nächste Woche bin ich in Bayern", sagt er. Kocak soll bei einer Molkerei ein neues Steuergerät in eine Abfüllanlage einbauen. Fast bis zur tschechischen Grenze muss er dafür fahren. Klingt weit, ist für ihn aber eher nahe. Der 37-Jährige – vergnügte Augen, akkurat gestutzter Kinnbart, kariertes Hemd – ist herumgekommen in den vergangenen sechs Jahren. "Ich war viel in Lateinamerika tätig, in Brasilien, Argentinien", sagt er, "jetzt in Deutschland, der Türkei und Israel." Kocak hat die Welt gesehen, aber zu Hause ist er in Burgbrohl. Eine Ortsgemeinde, deren drei Teile Burgbrohl, Weiler und Oberlützingen es auf kaum mehr als 3100 Einwohner bringt

Wie jeder Ort hat Burgbrohl so seine Besonderheiten: den größten Sonnenschirm Deutschlands, ein vulkanisches Erbe und eine Kuppelhalle, die nach einem Kaiser benannt wurde, der sie nie besucht hat. Aber Burgbrohl steht auch für mehr als sich selbst. Hier lässt sich ein Widerspruch beobachten, wie ihn viele Ortschaften fernab der Metropolen spüren: mitten drin in der Welt zu sein und zugleich darum zu ringen, nicht den Anschluss an sie zu verlieren.

Lokman Kocak arbeitet bei Heuft als Projektingenieur. © Ben Kilb für ZEIT ONLINE

Heuft Systemtechnik in 56659 Burgbrohl, die Firma am Ende des Hohlwegs, sie und das Dorf verbindet eine echte Garagen-Erfinder-Story: Der Vulkanismus bescherte der Region schon vor Jahrzehnten eine große Dichte an Mineralbrunnen wie jenen der Firma Rhodius. Dort arbeitete im Jahr 1978 Bernhard Heuft, der Sohn eines leitenden Angestellten der Firma, als Praktikant. Heuft kam während seines Praktikums eine bahnbrechende Idee: eine Automatik, um mangelhaft gefüllte Flaschen auszusortieren, ohne das Tempo des Bandes zu verlangsamen. In der elterlichen Garage begann er zu tüfteln. 1979 gründete Heuft die Firma, die heute Weltmarktführer für automatische Leerflascheninspektion ist. In 14 Ländern hat das Unternehmen Dependancen, allein in Burgbrohl beschäftigt Heuft 770 Menschen.

Mit Video, Laser und Röntgen kontrollieren Heufts Anlagen heute so ziemlich alles, was maschinell befüllt werden kann, von der Bierflasche übers Marmeladenglas bis hin zur Arzneipackung. Immer wenn vom berühmten Mittelstand die Rede ist, der in Deutschland so viel stärker ausgeprägt ist als in anderen Industrieländern, dann sind auch solche kleinen und mittleren Firmen gemeint. Familienunternehmen, die globale Nischen besetzen. Firmen, bei deren Namen man fragt, "hä, wer?", und die deshalb "hidden champions" genannt werden oder "heimliche Weltmarktführer". Und wenn man dieser Tage in der Zeitung liest, kein anderes Länder-Gütesiegel sei international beliebter als "Made in Germany" , dann liegt das auch ein bisschen an Made in Burgbrohl.

Kocak ist vor vier Jahren hierhergezogen, wegen seines Jobs bei Heuft. Er ist in Remagen geboren und hat in Kaiserslautern studiert. "Schön", "ruhig", "stressfrei", so sieht Kocak seine neue Heimat. "Hier ticken die Uhren anders, das ist angenehm", sagt er. "Es ist immer schön, wenn man Besucher hat, die kann man hier ausführen und ihnen etwas zeigen." Während sich Kocak auf seinen bayerischen Kunden vorbereitet, sind gerade Servicetechniker und Produkttrainer aus Burgbrohl im Ausland unterwegs. Und während Kocak hier zum wiederholten Male "schön" sagt, nimmt in Shanghai die Key-Account-Managerin für China ihre letzten Termine vor dem Heimflug wahr. Die junge Frau ist in Sichtweite des alten Heuft-Stammsitzes aufgewachsen, im Burgbrohler Unterdorf. Dort wohnt Lokman Kocak heute mit Frau und Tochter, "fünf Schritte die Haustür raus und ich war am Hintereingang der Firma", sagt er. Seinen Arbeitsweg in die neue, gläserne Firmenzentrale bemisst er in Minuten, aber auch die bleiben einstellig.

Man kann in Burgbrohl fest verwurzelt sein und zugleich in der ganzen Welt unterwegs. Darin einen Widerspruch zu sehen, ist vermutlich großstädtische Arroganz. Aber man kann genauso im selben Ort leben und darum bangen, dass dessen Ortsausgangsschilder das Ende des eigenen Aktionsradius markieren werden.