Das mit den Wachstumszahlen ist ganz schön verwirrend. Wenn die deutsche Wirtschaft um 1,8 Prozent wächst, wird Deutschland in aller Welt gefeiert. Beim Nationalen Volkskongress, Chinas einmal im Jahr tagendem Parlament, hat der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang für sein Land ein Wachstumsziel von 6,5 Prozent angekündigt. Prompt heißt es: Der zweitgrößten Volkswirtschaft geht es schlecht. Schließlich sei das die niedrigste Zielvorgabe seit 26 Jahren. Bis 2012 war Chinas Wirtschaft zwei Jahrzehnte lang fast durchgehend zweistellig gewachsen. Stellt sich die Frage: Wie ist es um China wirklich bestellt?

Zunächst einmal: Dass die chinesische Führung ein geringeres Wachstum in Kauf nimmt, ist an sich nicht schlimm. Sollte sie dieses selbst gesteckte Ziel für 2017 erreichen, bleibt die Volksrepublik eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt.

Außerdem: So sehr die Wachstumsrate für Ökonomen das Maß der Dinge zu sein scheint – ein Plus von 6,5 Prozent im Jahr 2017 bedeutet in absoluten Zahlen immer noch einen rund 100 Milliarden Yuan (rund 15 Milliarden Euro) höheren Zuwachs an Waren und Dienstleistungen als 2014. Damals wuchs Chinas Wirtschaft um 7,3 Prozent.


Es ist eher ein gutes Zeichen, dass die chinesische Wirtschaft nicht mehr zweistellig wächst. Chinas ohnehin geschundene Umwelt würde sonst unter noch mehr qualmenden Fabrikschornsteinen leiden. Der Rest der Welt wiederum würde überschwemmt von Waren aus Fernost. Schon jetzt leidet die Stahlbranche weltweit unter den chinesischen Überkapazitäten.

In seiner fast einstündigen Rede vor den fast 3.000 Delegierten zum Beginn des Volkskongresses sagte Li, das Wachstum könne auch "höher sein, wenn möglich". Priorität habe für ihn aber nicht länger hohes Wachstum, sondern "dringend notwendige Strukturreformen". Und damit sind wir bei Chinas eigentlichem Problem.

Nach Jahrzehnten zweistelliger Wachstumsraten bekommt auch China die globale Wirtschaftsschwäche zu spüren. Immerhin hat es die chinesische Führung geschafft, das Wachstum auf einem verhältnismäßig hohem Niveau zu stabilisieren. Der Staat hat einiges in die Infrastruktur investiert, die Kreditvergabe gelockert und Produktion der staatseigenen Betriebe deutlich erhöht. Viele der neu gebaute Straßen, Wasserkraftwerke, Stromleitungen und Schienen für Hochgeschwindigkeitszüge waren notwendig. In der Schwerindustrie sind auf diese Weise aber gewaltige Überkapazitäten entstanden. Zudem sind die Schulden stark in die Höhe geschossen.

Ein paar dieser Probleme sprach Li am Sonntag an. China müsse aufmerksamer auf faule Kredite, Kreditausfälle, den Schattenbankensektor und Internet-Finanzdienstleistungen achten, sagte er. Zudem sollten Schulden abgebaut werden, vor allem bei den Unternehmen.