Anneli Wehlings Kühe stehen in einem offenen Stall. Sie sollen das Tageslicht sehen, spüren, wenn es regnet, und frische Luft bekommen. Im Sommer dürfen sie auf die Weide. Wehling möchte, dass es ihren Tieren gut geht. Das ist der Milchbäuerin wichtig – und es ist bedeutsam, das mit dem Stall zu erwähnen, denn seinetwegen besucht Bundesumweltministerin Barbara Hendricks Wehlings Hof.

Kiebitzreihe in Schleswig-Holstein, 2.200 Einwohner, etwa 40 Kilometer nordwestlich vom Hamburger Stadtzentrum gelegen, ein kühler Vormittag kurz vor Frühlingsbeginn. Das Land ist flach, die Weiden schon grün, die Bäume noch kahl, der frische Wind knickt die Krokusse im Garten. Direkt neben dem Wehlingschen Hof verläuft die Bahnstrecke in Richtung Sylt. Auf der anderen Seite der Gleise stehen Wehlings Kühe im Stall. Wehling hat sich einst aus Begeisterung für die Tiere für ihren Beruf entschieden. Inzwischen aber fragt sie sich, ob ihre Arbeit noch einen Sinn hat. Darüber will sie mit Ministerin Hendricks sprechen.

Kiebitzreihe liegt in einer Gegend, in der für deutsche Verhältnisse viel Milch produziert wird, doch im Dorf selbst gibt es nicht mehr viele Milchbauern. Fünf seien noch übrig, sagt die Bäuerin, und bald werden davon – mit Glück – nur noch zwei bleiben. Der Betrieb der Wehlings aber soll überleben: Sohn Jakob, 25 Jahre alt, und seine Freundin Janine, haben beide Landwirtschaft an der nahen Fachhochschule Rendsburg studiert. Sie wollen den Hof der Familie übernehmen.

Kuhställe ohne Tageslicht – für das Klima?

Wehlings planen für die Zukunft: In diesem Jahr wollen sie ihren Kuhstall ausbauen. Aber sie fragen sich auch, ob sie die nötigen Investitionen überhaupt noch stemmen können. Das Problem ist der seit Jahren extrem niedrige Milchpreis, der es immer schwieriger macht, die Betriebskosten zu decken. "Wir produzieren so billig wie möglich", sagt Anneli Wehling. "Der Lebensstandard unserer Gesellschaft, dass die Leute sich so viel leisten können, Smartphones, Wochenendflugreisen – das ist doch nur dadurch möglich, dass Nahrungsmittel so billig sind." Die Bauern aber kämen kaum über die Runden. "Irgendwas läuft da schief."

Ein weiteres Problem, so fürchtet die Familie, könnten auch die immer strengeren Umwelt- und Klimaschutzauflagen sein, und der Aufwand, den sie betreiben müssen, um diese einzuhalten. Die Bundesregierung hat sich verpflichtet, die deutschen Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 zu reduzieren. Auch die Landwirtschaft soll dazu beitragen. Die Verdauung der Kühe, ihr Mist und ihre Gülle, die Herstellung von synthetischem Dünger und auch natürliche Prozesse in den Ackerböden verursachen klimaschädliche Emissionen. Die gilt es einzudämmen. Aber wie?

Im Februar hörte Anneli Wehling einen Fachmann der Fachhochschule Rendsburg darüber reden, wie die Ställe künftig gebaut sein müssten, um allen Vorschriften gerecht zu werden. Der Experte beschrieb eine Art hochtechnisierte Massenhaltung in geschlossenen Gebäuden ohne Tageslicht, versorgt mit frischer Luft nur noch über Belüftungs- und Filteranlagen. Kleine Betriebe, die das nicht finanzieren könnten, müssten sich eben mit anderen zusammenschließen, also wachsen. Die Bäuerin erschrak. In solchen Ställen sehe keine Kuh mehr die Sonne, sagt sie. "Ich glaube nicht, dass dies im Sinne der Verbraucher ist – und auch nicht von uns Bauern."

Wehling schrieb Hendricks einen Brief. Sie fürchte um die Zukunft der bäuerlichen Betriebe und um das Wohl ihrer Tiere, stand darin. Es könne doch nicht sein, dass ausgerechnet die Klima- und Umweltpolitik den Trend hin zu einer industrialisierten Intensivlandwirtschaft noch weiter vorantreibe. Massentierhaltung sei nicht zukunftsfähig, "das wissen wir doch spätestens seit dem Gutachten des Wissenschaftlichen Beirates. (…) Ich sehe uns Milchbauern mit dem Konflikt Klima-Tierwohl-Soziales alleingelassen und wünsche mir die Unterstützung der Politik und würde mich daher über ein Gespräch mit Ihnen sehr freuen." Hendricks nahm die Einladung an.

Als der Wagen der Ministerin auf Wehlings Hof fährt, ist die Familie schon seit sechs Stunden auf den Beinen. Jeden Morgen stehen sie um fünf Uhr früh auf, um die Kühe zu melken und zu versorgen, dann dauert ihr Arbeitstag zwölf, im Sommer oft sechzehn Stunden. Mit der Familie wartet Kirsten Wosnitza, ebenfalls Milchbäuerin und Sprecherin des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter in Schleswig-Holstein, wo Anneli Wehling Vorstandsmitglied ist. Wosnitza will die Gelegenheit zum direkten Gespräch mit der Ministerin nutzen.