Vor zwei Wochen schien Donald Trump bereits aufzugeben. Dabei hatten die Republikaner ihren Plan für ein neues Krankenversicherungssystem noch nicht einmal vorgelegt. Vielleicht sei es besser, so der Präsident überraschend offen während eines Treffens mit Branchenchefs, wenn die Konservativen Obamacare einfach vor die Wand fahren ließen, um anschließend die Demokraten dafür verantwortlich machen zu können. Sein Versprechen, die Gesundheitsreform seines Vorgängers mit etwas "viel Besserem" zu ersetzen, war da bereits ins Stocken geraten und lief Gefahr, die wohl größte politische Niederlage der jungen Regierung zu werden. "Niemand", so Trump resigniert, "konnte ahnen, wie kompliziert die Gesundheitsversorgung ist". 

Wenige Tage später präsentierten die Republikaner ihre Alternative zu Obamas wichtigster Reform – und ernteten dafür trotz aller Bemühungen, den Plan als Erfolgsmodell zu verkaufen, von konservativer und liberaler Seite gleichermaßen Kritik. Den eigenen Hardlinern gefällt nicht, dass viele Grundideen von Obamas Affordable Care Acts (ACA) in dem Gegenentwurf erhalten bleiben. Sie sehen den von Obama erhobenen Anspruch, so viele Amerikaner wie möglich zu krankenzuversichern, als Kernproblem. Auf der anderen Seite sperren sich die Demokraten gegen den Plan, der laut Schätzungen 24 Millionen Amerikaner aus den verpflichtenden Krankenversicherungen drängen würde – und die Topverdiener im Land dank großzügiger Steuergeschenke massiv entlasten soll.

Was der politische Schlagabtausch vergessen lässt: Die Programme beider Seiten kratzen lediglich an der Oberfläche eines Gesundheitssystems, das an vielen Stellen schon lange krankt und unter den explodierenden Kosten ächzt. 2014 allein gaben die USA rund drei Billionen Dollar für ihr Gesundheitssystem aus – eine Summe, die das System allein zur fünftgrößten Volkswirtschaft der Welt machen würde. Ein einfacher Arztbesuch kostet heute die Amerikaner rund dreimal so viel wie in Kanada, Medikamente oft das Zehnfache der Preise in Deutschland oder Großbritannien.

Seit 2007 sind die Gesundheitsausgaben einer durchschnittlichen Familie aus der Mittelschicht trotz Obamas Reform um 25 Prozent gestiegen. Wer nicht das Glück hat, über seinen Arbeitgeber versichert zu sein, der zahlt auf dem freien Markt häufig Prämien von 500 Dollar und mehr pro Monat, bei einem Selbstbehalt von mehreren Tausend Dollar. Nicht umsonst entscheiden sich viele Amerikaner, lieber die unter dem ACA fällige Strafgebühr zu zahlen, als eine Versicherung abzuschließen.

Die USA sähen Patienten als Konsumenten, sagt Noelle Sullivan, Expertin für Gesundheitsversorgung an der Northwestern University in Illinois. Wie in allen anderen Bereichen der Wirtschaft setze das Land auch bei der Gesundheit auf möglichst wenige Eingriffe vonseiten des Staates, in der Hoffnung, dass die positiven Effekte schließlich von oben nach unten durchsickerten. 

Das Ergebnis ist ein System, in dem private, oft börsennotierte Versicherungen, Pharmakonzerne und Krankenhausketten die Bedingungen bestimmen, während sich die Regierung aus den Preisverhandlungen für Medikamente oder Therapien weitgehend heraushält. In diesem Umfeld verzichten Pharmaunternehmen auf die Entwicklung dringend benötigter Antibiotika, weil die Gewinnaussichten im Vergleich zu hochspezialisierten Medikamenten gering sind, während neue Behandlungsmethoden und Technologien gut zahlenden Patienten vorbehalten sind.

Zugleich treibt die ständig wachsende Komplexität des Systems die Kosten weiter in die Höhe. Zu Tausenden von privaten Versicherungsplänen kommen eigene Programme für Senioren, Veteranen, Ureinwohner oder Personen unterhalb der Armutsgrenze, die alle mit Bundesmitteln unterstützt werden. Zwanzig Prozent der Ausgaben im Gesundheitssystem fließen in den USA heute nicht in die Versorgung, sondern werden für die Vermarktung von neuen Medikamenten und die Zahlung von Dividenden genutzt oder versickern in der Verwaltung.

USA - Republikaner legen Vorschlag zur Aufhebung von Obamacare vor Die Republikaner im US-Repräsentantenhaus wollen staatliche Zuschüsse zur Krankenversicherung streichen. Die Demokraten warnen vor einem Chaos, sollte Obamacare abgeschafft werden. © Foto: Mike Blake/Reuters