Die Verächter sind auf dem Vormarsch. Die Institutionen des Rechtsstaats, die repräsentative Demokratie, das europäische Friedensprojekt sind in ihren Augen ein ebenso abgekartetes wie hilfloses Projekt der liberalen Eliten, die den Kontakt zu den "kleinen Leuten" verloren haben. So klingt es allerorten aus dem Munde eines neuen Populismus, von dem man nicht so genau weiß, wo er im politischen Spektrum einzuordnen ist. Eher rechts, eher links? Vielleicht taugt diese Unterscheidung aber auch gar nicht mehr im Zeitalter neuer Institutionenverachtung. 

Wer sind diese Verächter? Machen die Abgehängten und Ausgegrenzten Marine Le Pen zu Frankreichs nächster Präsidentin? Waren es die Armen und Prekären, die in der neuen globalen Arbeitswelt nicht mehr unterkommen, und daher Donald Trump zum US-Präsidenten wählten? Nein, die treibenden Kräfte hinter dem Aufstieg von Trump und Le Pen, von Geert Wilders und Frauke Petry finden sich in der Mitte der Gesellschaft. Sie richten sich im Angesicht von wachsender Migration und rasch voranschreitender Globalisierung auf Abwehrkämpfe ein. 

Nicht der Kampf zwischen Arm und Reich fordert die Demokratien in Europa und Nordamerika heraus und gefährdet deren soziale Architektur, es sind die Wohlstandskonflikte innerhalb der Mittelschicht. Es geht um den gesellschaftlichen Reichtum und seine staatliche Verteilung, um Status und Sicherheit, um Position und Privilegien. Insbesondere aus der Mitte der Gesellschaft wird der Vorwurf laut, dass die Institutionen des Rechts- und Sozialstaats stets die Vorteile der anderen schützen und die eigenen Sorgen missachten. Die Konflikte werden von Menschen ausgetragen, die etwas zu verlieren haben. Die Aufsteiger von gestern wollen das Erreichte für die Zukunft stabilisieren.

Dieses Bedürfnis ist keineswegs verwerflich. Aber die Sorge, etwas zu verlieren, was man in seinem Selbstbild aus eigenem Verdienst erworben hat, macht empfänglich für Ressentiments. Diese Ressentiments und Statussorgen sind dabei nicht nur ein ungutes Gefühl, das aufzuklären Aufgabe der Politik wäre. Die Grundlagen der Wohlstandskonflikte sind manifeste Veränderungen – in der Arbeitswelt und in der Programmatik und Politik des Wohlfahrtsstaates. Die Digitalisierung und die wachsende Zahl prekär Beschäftigter schaffen neue Gruppen von Verlierern und Gewinnern.

Der Wohlfahrtsstaat verschwindet keineswegs, er verliert aber seine einheitsstiftende Wirkung und mäandriert mit seinem vielfältigen, ja zum Teil unüberschaubaren Programmen durch die gesellschaftliche Wirklichkeit. Er schafft Differenz und nicht mehr nur Gleichwertigkeit und Zusammenhalt. Diese Entwicklung ist auch sozialräumlich spürbar. Dörfer und Kleinstädte verlieren ihr juste milieu, also ihre Mitte, die für die Institutionen der lokalen Demokratie eine zentrale Rolle spielt. Die Jungen, die etwas aus sich machen wollen, ziehen weg. Die qualifizierten Erwerbstätigen pendeln und leben nur am Wochenende vor Ort. So bleiben die Alten, die etwas für das Dorf- und Gemeindeleben tun, indem sie sich im Kirchenchor oder im Heimat- oder Förderverein engagieren.

Die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse steht infrage

Die Qualifizierten fürchten die Wucht digitaler Modernisierung, die öffentlich Bediensteten spüren, dass der Staat als Arbeitgeber an Verbindlichkeit verliert, viele Menschen in ländlichen Regionen machen die Erfahrung, dass Infrastrukturen der Daseinsvorsorge schwinden, dass ihre Immobilien an Wert verlieren. Gleichwohl sind das alles keine gleichförmigen, allein abwärts gerichteten Entwicklungen. Es gibt Gewinner in der Arbeitswelt, prosperierende Kleinstädte und von der Vielfalt wohlfahrtstaatlicher Leistungen profitieren sicher nicht nur wenige.

Deshalb ist auch die Etikettierung der aktuellen gesellschaftlichen Lage als Abstiegsgesellschaft fragwürdig – hierzulande erst recht, aber auch mit Blick auf die europäischen Nachbarländer. Soziologisch und zeitdiagnostisch interessant sind die wachsenden Ungleichheiten und Unähnlichkeiten in der Mitte der Gesellschaft. Die Mitte ist keineswegs ein festgefügter Block im Zentrum des gesellschaftlichen und politischen Lebens; sie ist ungleich und wird einander immer unähnlicher. An dieser Stelle setzen die Sicherheits- und Gerechtigkeitsdebatten an. Die großen sogenannten Homogenisierungsmaschinen der Erwerbsarbeit und des Staats (öffentliche Daseinsvorsorge) sind zu Orten der Differenzierung geworden. Mit Arbeit und Staat ist kein kollektives Aufstiegsversprechen mehr verbunden – nur noch ein selektives.

Es geht um die Konservierung des Erreichten

Auch die Abstände zwischen Stadt und Land nehmen zu. Die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse steht infrage. Je differenzierter die Lebenslagen in der Mitte der Gesellschaft werden, umso empfänglicher sind kaufmännische Angestellte und Lehrkräfte, Polizisten und Ingenieure für Fragen der Gerechtigkeit und der Sicherheit. Wer erhält mehr öffentliche Zuwendung und Aufmerksamkeit für seine harte Arbeit? Wem wird der eigene Wohnort zum Schicksal, wem zum Privileg? Wer profitiert vom frühen Renteneinstieg, wer zahlt dafür?

Im Kern geht es immer wieder um die Konservierung des Erreichten. Diese Haltung ist durchaus typisch für eine Gesellschaft, in der viele selbst oder in der Familie soziale und berufliche Aufstiege erlebt haben. Veränderungen erleben sie als Irritation, Neuankömmlinge als Angreifer auf den eigenen Wohlstand, technische und soziale Innovation als Infragestellung des eigenen Lebensstils. All das adressiert der neue Populismus. Es ist daher für eine kritische und aufmerksame Öffentlichkeit an der Zeit, offensichtliche Wohlstandskonflikte und berechtigte Wohlstandssorgen in der Mitte der Gesellschaft als große Herausforderung unserer Demokratie und unseres Rechtsstaats aufzugreifen.

Durch Konflikte und Differenzen in ihren tragenden Schichten kann eine demokratische Gesellschaft zugrunde gehen. An Konflikten und Differenzen kann eine Gesellschaft aber auch wachsen. Sie muss freilich neue institutionelle Antworten für Konflikte finden – mit Blick auf das Arbeitsrecht, auf neue Balancen zwischen den Generationen, auf öffentliche Güter im ländlichen Raum.