Es kann schnell gehen heutzutage. Acht Jahre Gymnasium, drei an der Uni, und mit 22 und einem Bachelorabschluss in der Tasche beginnt die Jobsuche. Doch seit das deutsche Hochschulsystem im Zuge des Bologna-Prozesses auf den Bachelor- und Masterabschluss umgestellt worden ist, streiten die Beteiligten über Sinn und Unsinn der Reform: Die Absolventen hätten nicht genügend Fachwissen für das Berufsleben, lautet häufig der Vorwurf gerade aus dem akademischen Umfeld. Auch seien viele schlicht nicht reif genug, um sich sozial in einem Unternehmen einzubringen. Doch wie geht es eigentlich den Betrieben mit den jungen Bachelors?

"Wir stimmen in dieses Klagelied überhaupt nicht ein", sagt der Siemens-Konzernsprecher Michael Friedrich. "Jeder Abschluss hat seine Berechtigung." Es sei nicht zielführend, eine unterschiedliche Wertigkeit der Abschlüsse zu betonen. Die Frage sei immer, in welchen Bereich man hinein möchte. "Wenn jemand in der Forschung oder Entwicklung arbeiten will, ist ein Master oder eine Promotion sicher sinnvoll", sagt Friedrich. "Wer aber beispielsweise im Vertrieb tätig sein und den technischen Hintergrund der Produkte kennen möchte, für den kann ein Bachelor im Ingenieurwesen sehr hilfreich sein." Bedarf sei bei Siemens ohnehin für alle Ausbildungsstufen: vom klassischen Facharbeiter bis hin zur Promotion.

Allerdings sind die Studierenden auch gute zehn Jahre nach der Reform durchaus skeptisch. Bisher nutzen wenige die Möglichkeit, schon nach einem Bachelorabschluss die Universität in Richtung Arbeitsmarkt zu verlassen: Nur 25 Prozent der Bachelorabsolventen haben eineinhalb Jahre nach dem Abschluss einen Job, zeigt eine Untersuchung des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW). Dabei fassen viele Absolventen den Entschluss zum Übergang in den Master nicht etwa, weil sie keine Arbeit finden. Die Entscheidung fällt laut der Umfrage schon bei der Hälfte der Absolventen vor Beginn des Studiums, nur neun Prozent entscheiden sich erst nach dem Bachelorabschluss weiterzumachen.

Bachelors von Fachhochschulen bevorzugt

An den Fachhochschulen hingegen ist die Quote der Bachelorabsolventen, die einen Job haben, deutlich höher: 65 Prozent der Studierenden starten nach dem Abschluss in den Arbeitsmarkt. Das liegt laut Experten an der größeren Nähe der Fachhochschulen zur Praxis und zu Unternehmen, den Studierenden wird schon in der Ausbildung eine Perspektive zum Berufseinstieg eröffnet. Dies gilt gerade für das produzierende Gewerbe. Eine aktuelle Umfrage des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) zeigt, dass außer in Forschung und Entwicklung in den meisten Aufgabengebieten sogar Bachelorabsolventen von Fachhochschulen gegenüber denen von Universitäten bevorzugt eingestellt werden: etwa in der Konstruktion, im technischen Vertrieb und Einkauf, im Produkt- und Qualitätsmanagement.

An den Universitäten hingegen scheint es sowohl unter Studierenden als auch unter dem Lehrpersonal manchen Vorbehalt gegen den Bachelor zu geben. Die Bildungsexpertin Christiane Konegen-Grenier vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) sagt dazu: "Die jungen Menschen an den Universitäten haben häufig ein großes fachliches Interesse und bringen viel Engagement für ihr Studium auf, deshalb wollen sie auch den Master erwerben." Hinzu komme auch eine Unsicherheit: "Reicht mein Bachelor wirklich in der Berufswelt aus?", fragten sich viele. An dieser Haltung seien die Hochschullehrer an den Universitäten auch mitschuldig. "Die Bologna-Reform ist dort nicht beliebt, Bachelor gilt als nicht wirklich berufsbefähigender Abschluss", sagt die IW-Bildungsexpertin. Dabei habe der Wissenschaftsrat, also das wichtigste wissenschaftspolitische Beratungsgremium in Deutschland, genau das festgelegt: Der Bachelor sei ein erster berufsbefähigender Abschluss.

Für Karriereängste gebe es wenig tatsächliche Gründe, sagt Konegen-Grenier. Ihr Institut habe Unternehmen befragt, welche Voraussetzungen für sie wichtig seien bei der Auswahl von Führungspersonal. "Formale Kriterien wie Bachelor, Master, Fachhochschule oder Promotion waren unter den zehn abgefragten Merkmalen ganz unten", sagt die IW-Forscherin. Ob jemand Karriere macht, hänge von anderen Faktoren ab. Auch auf die Frage, ob es im Unternehmen bestimmte Positionen gebe, die ausschließlich Kandidaten mit Masterabschluss vorbehalten sind, hätten 85 Prozent mit Nein geantwortet. "Wir haben überhaupt keine Signale", resümiert Konegen-Grenier, "dass diese jungen Leute mit Bachelorabschluss weniger akzeptiert sind."

"Es mangelt an der praktischen Erfahrung"

Auch Siemens-Sprecher Michael Friedrich bestätigt: "Bachelorabsolventen stehen grundsätzlich alle Wege offen." Schließlich würden sich viele auch nach einigen Jahren in der Praxis für eine Weiterbildung entscheiden – ob per Master oder auf andere Art und Weise. "Ein garantierter Weg ins Management existiert ohnehin nicht", sagt Friedrich. "Es gibt durchaus auch Vorstände, die mit einer kaufmännischen oder technischen Ausbildung begonnen haben."

Für große Konzerne wie Siemens ist es naturgemäß einfacher, den Mitarbeitern im eigenen Haus eine Weiterbildung anzubieten. Auch duale Bachelor-Studiengänge sind dort üblich, die Teilnehmer lernen die Theorie an der Universität und die Praxis im Betrieb. Kommen die Bachelor-Absolventen aber direkt von der Hochschule in die Unternehmen, zeigten sich doch einige Schwierigkeiten, sagt Irene Seling von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). "Es mangelt häufig an der praktischen Erfahrung. Das haben wir auch schon bei den alten Diplomstudiengängen festgestellt." Nur sei die Zeit im Bachelor jetzt noch kürzer, um im Studium praktische Elemente unterzubringen. Dagegen seien die fachlichen Kenntnisse der Absolventen durchaus gut: "Die Unternehmen sind in dieser Hinsicht zufrieden mit dem Bachelorabschluss."

"Man sollte auch fair bleiben"

Im Zuge der Bologna-Reform hätten gerade die größeren Unternehmen ihre Einstiegsprogramme für neue Mitarbeiter ausgebaut. "An vielen Stellen ist es einfach notwendig, eine Einarbeitungsphase zu haben", sagt Seling. In wenigen Monaten würden die jungen Mitarbeiter an das Profil des Unternehmens herangeführt. Aber auch kleinere Unternehmen hätten ihre Weiterbildungsaktivitäten intensiviert, häufig auch im Verbund von mehreren Betrieben. "Das Thema Fachkräftesicherung ist auch für den Mittelstand sehr relevant geworden", sagt Seling.

Der Siemens-Sprecher Michael Friedrich fasst zusammen: "Man sollte auch fair bleiben." Jahrelang habe die deutsche Wirtschaft verlangt, dass die Leute früher von der Universität in die Unternehmen kommen sollen. "Nun wird erwartet, dass diese jungen Menschen dieselben Erfahrungen und Qualifikationen mitbringen, wie jemand, der früher bis zum 27. Lebensjahr studiert hat." Auch den Vorwurf, dass Bachelorabsolventen häufig persönlich unreif seien, findet Friedrich merkwürdig. Schließlich starteten Lehrlinge nach einer Fachausbildung noch viel früher in den Beruf.

Es kommt wohl letztlich darauf an, welche Erwartungen die Unternehmen an die Berufseinsteiger haben und welche Bereitschaft und Möglichkeiten die Betriebe für eine Weiterbildung der Mitarbeiter aufbringen. Letzteres ist sicherlich mit zusätzlichen Kosten verbunden, aber dafür bringen die jungen Bachelors auch Vorteile mit. Sie sind familiär meist noch ungebunden und flexibel. Und vor allem: Sie haben niedrigere Gehaltsansprüche als Masterabsolventen mit Ende 20.