Stellen Sie sich eine Welt vor, in der das Leben ein bisschen bequemer, billiger und sicherer ist – weil es kein Bargeld mehr gibt. In dieser Welt müssten Sie nicht mehr beim Geldautomaten Banknoten ziehen, weil sie alles mit einer Chipkarte oder ihrem Smartphone bezahlen können – ein belegtes Brötchen genauso wie das Parkticket oder den Fahrschein für den Bus. Sie könnten Ihrem Kind das Taschengeld per App zustecken und kontrollieren, was es sich dafür kauft. Es wäre eine Welt, in der es Steuerhinterzieher, Geldfälscher, Drogendealer und Schutzgelderpresser schwerer hätten, weil Transaktionen leichter nachvollziehbar und Schmuggeleien von Geldkoffern unmöglich wären. Und niemand könnte Ihnen so einfach Ihr Geld klauen, egal, wie viel sie davon gerade bei sich haben. Eine Welt ohne Bargeld: Das klingt doch eigentlich ganz gut, oder?

Nein, findet eine Gruppe namhafter Forscher, genauer: der wissenschaftliche Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums, der ein Gutachten dazu vorgestellt hat. Das Gute an dem 50-seitigen Dokument ist, dass sich die Experten deutlich gegen eine Abschaffung von Banknoten und Münzen aussprechen; erstaunlich ist, wie energisch sie es tun. Es wirkt fast, als seien sie von Bargeldgegnern eingekreist und unternähmen jetzt einen letzten Befreiungsschlag.

Haben Anhänger der AfD-Initiative "Bargeld lacht" also doch recht mit ihren Warnungen vor einer Allianz aus Politikern und Bankern, die heimlich ein Bargeldverbot schmieden? Mit dem Ziel, die Bürger total zu kontrollieren und zu enteignen? Das ist zu weit hergeholt. Aber das Gutachten zeigt, dass das Thema längst mehr ist als eine theoretische Diskussion unter modellverliebten Ökonomen.

Dem Beiratsvorsitzenden Hans Gersbach von der ETH Zürich zufolge reden viele Akteure zwar nicht öffentlich über die Bargeldabschaffung, aber untereinander streiten sie sehr wohl darüber. Politiker etwa, aber vor allem Zentralbanker; der Chefökonom der Bank of England etwa hat sich schon 2015 dazu bekannt. Ihnen böte eine Welt ohne Bargeld den größten Vorteil: Sie könnten viel leichter Negativzinsen durchsetzen, als das heute der Fall ist. Um denen zu entgehen, können Sparer, Unternehmen und Banken bisher Scheine horten – das wäre in einer Welt ohne Bargeld nicht mehr möglich.

Doch die Nachteile einer scheinfreien Welt überwiegen noch immer, das Gutachten des Beirats liefert dafür viele gute Argumente. Etwa, dass man mit Bargeld überall und unkompliziert bezahlen kann, dass es kein besonderes Vertrauen voraussetzt, dass es Verbrauchern die Selbstkontrolle erleichtert. Vor allem aber, und das ist wohl der wichtigste Punkt, bietet Bargeld Anonymität: Wer mit Münzen und Scheinen bezahlt, verrät weder dem Zahlungsempfänger noch seiner Bank etwas über sich selbst. Das ist viel wert in Zeiten, in denen sich personenbezogene Daten zu Geld machen lassen, und in denen Woche für Woche neue Hackerangriffe bekannt werden.

Solche Bedrohungen nehmen die Experten des Beirats sehr ernst. Zugleich entkräften sie das Argument, Kriminelle hätten es in einer Welt ohne Bargeld schwerer: Wenn sie ihre Geschäfte nicht mehr mit Banknoten abwickeln können, dann halt mit Goldmünzen oder Kryptowährungen wie dem Bitcoin – für Normalverbraucher wäre das zu umständlich.

Menschen wollen mit Bargeld zahlen

Das beste Argument für das Bargeld ist aber, dass die Menschen nicht darauf verzichten wollen – auch nicht in einer Welt, in der man längst ohne Bargeld leben könnte. Das zeigen regelmäßig Umfragen, seien sie von der Bundesbank oder dem Digitalverband Bitkom. Auch der Erfolg des Berliner Start-ups Barzahlen ist ein guter Beleg: Mit seiner Technologie können Verbraucher Online-Einkäufe im nächsten Supermarkt bar bezahlen – und viele tun das, auch wenn es dem routinierten Onlineshopper und Digitalzahler erst mal etwas schräg erscheint.

Das ist es eben: Jeder kann heute schon fast alle Rechnungen mit der Karte oder via Onlinebanking begleichen. Das ist gut so. Noch besser aber ist, dass es niemand tun muss. Wer will, kann sein Abendessen und das Busticket in bar bezahlen, und auch mit Vermietern oder Stromversorgern lässt sich das vereinbaren. Und wenn man unbedingt möchte, kann man das Geld eben auch zu Hause in einen Sparstrumpf stecken, anstatt es auf einem Tagesgeldkonto zu parken. Eine bessere Welt ist eigentlich kaum vorstellbar.