"Freiheit für den Hecht bedeutet Tod für die Putzerfische", beschrieb der britische Philosoph Isaiah Berlin die Konflikte in Industriegesellschaften. Technologischer Wandel und Globalisierung haben einigen Menschen enorme Freiheiten und Chancen eröffnet. Viele andere fühlen sich durch diese Entwicklungen bedroht, bangen um ihre Arbeit, fürchten eine zunehmende Abhängigkeit vom Staat und weniger individuelle Freiheit.

Manche in der Politik – und immer mehr auch in Wissenschaft und Gesellschaft – betrachten eine stärkere Umverteilung durch den Sozialstaat als die beste Lösung. Einige fordern eine Reichensteuer und höhere Transferleistungen zugunsten der sozial Schwächsten. Andere wollen ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen, bei dem jeder Mensch monatlich ohne Auflagen und Gegenleistungen eine feste Summe erhält. Damit werde Freiheit geschaffen, behaupten die Befürworter, denn niemand sei mehr von wirtschaftlichen Zwängen abhängig, um seinen Lebensunterhalt zu gestalten.

Sie betonen vier Stärken: Es sei egalitär, liberal, individualistisch und wirtschaftlich sinnvoll. Ein genaues Hinschauen zeigt jedoch, es hat keine dieser Eigenschaften.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen, beispielsweise in Höhe von 1.000 Euro pro Person und Monat, wäre egalitär in dem Sinne, dass es alle gleich behandelt. Eine ungewöhnliche, enge Definition von "egalitär", denn es unterscheidet nicht zwischen Chancengerechtigkeit, Verteilungsgerechtigkeit und Leistungsgerechtigkeit. Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde, zumindest nach den meisten bisher gemachten Vorschlägen, die Ärmsten und vor allem Beschäftigte mit geringen Einkommen entlasten; es würde jedoch im Gegenzug die Mittelschicht stärker belasten und die Reichsten weniger stark besteuern. Es ist ganz und gar nicht klar, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen nach Empfinden der Mehrheit der Gesellschaft mehr Verteilungsgerechtigkeit bieten würde, als es die gegenwärtigen Sozialsysteme tun.

Geld allein macht nicht glücklich

Die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen lässt außerdem die Chancengleichheit außen vor. Manche Menschen benötigen mehr staatliche Hilfe und Unterstützung als andere, um ihre Fähigkeiten zu entwickeln und sich in Wirtschaft und Gesellschaft einbringen zu können. Staatliche Unterstützung von monatlich 1.000 Euro kann schlicht und einfach zu wenig sein, um Chancengleichheit zu gewährleisten. Das bedingungslose Grundeinkommen ist in diesem Sinne eben nicht egalitär, sondern blind gegenüber den unterschiedlichen Bedürfnissen jedes Einzelnen.

Der zweite Widerspruch ist, dass ein Grundeinkommen gar nicht so liberal ist, wie behauptet. Die Idee eines Zuschusses, der Menschen vom Druck befreit, sich um Arbeit und Einkommen aktiv kümmern zu müssen, beruht auf einer einseitigen Definition von Freiheit. Wie der Philosoph Berlin unterstrich, benötigen Menschen nicht nur eine positive Freiheit, sondern auch eine negative Freiheit. In anderen Worten: Es ist Aufgabe von Staat und Gesellschaft, den Bürgerinnen und Bürgern nicht nur rechtlich die Freiheit zu geben, individuelle Entscheidungen zu treffen. Die öffentliche Hand und die Gesellschaft müssen auch Hindernisse für den Einzelnen so weit wie möglich aus dem Weg räumen, so dass dieser seine Freiheit auch wirklich nutzen kann.

Die meisten Konzepte für ein bedingungsloses Grundeinkommen kommen eher einer Verantwortungsverweigerung durch Staat und Gesellschaft gleich. Jeder einzelne Mensch hat andere Bedürfnisse, um seine Fähigkeiten entwickeln und freie Entscheidungen ausüben zu können.

Das bedingungslose Grundeinkommen ist deshalb auch nicht individualistisch. Die Befürworterinnen und Befürworter unterstreichen, dass es die Menschen nicht mehr "fordert", sondern nur noch "fördert", und jeder somit unabhängig vom jeweiligen Lebensmodell Unterstützung erhält.

Ist es aber wirklich richtig und erwünscht, nicht gefordert zu werden? Wir wissen aus der Glücksforschung, dass Zufriedenheit nur relativ schwach vom Einkommen und den eigenen wirtschaftlichen und finanziellen Bedingungen abhängt. Genauso wichtig ist es, Teil einer Gemeinschaft zu sein, Anerkennung und Respekt zu erhalten und Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.

Deshalb ist eine Umwandlung des gegenwärtig bedingten Grundeinkommens in ein bedingungsloses Grundeinkommen nicht zielführend und muss nicht zu mehr Lebenszufriedenheit und Glück führen. Ganz im Gegenteil, es ist nicht nur Recht, sondern kann auch die Pflicht des Staates sein, seine Bürgerinnen und Bürger zu fordern, und dies nicht nur zum Wohle der Gemeinschaft, sondern auch im Interesse des Einzelnen. Natürlich besteht die Gefahr, dass ein Fordern des Staates schnell paternalistisch werden kann und die Freiheiten des Individuums einschränkt. So sollte es nicht sein. Aber ein solches Fordern ist wohl meist das kleinere Übel im Vergleich zur staatlichen Gleichgültigkeit gegenüber dem Einzelnen.