Jede fünfte Kuh produziert für Baileys. Jedenfalls ist das in Irland so – und auch in Nordirland. Die Milch über die Grenze zu liefern, war bisher kein Problem. Doch jetzt kommt der Brexit, und die Wirtschaft läuft Sturm. Seit die britische Premierministerin Theresa May die Devise ausgab "No deal is better than a bad deal", keine Einigung ist besser als ein schlechtes Abkommen, fürchten Bauern und Getränkeindustrie um den freien Warenverkehr: "Stellen Sie sich vor, Sie sind Bauer in Nordirland, und ihre Kühe liefern die Milch für Baileys. Bis die Flasche auf den Markt kommt, hat die Milch fünf Mal die irische Grenze passiert. Und das soll jedes Mal verzollt werden?"

Ian Wright, der Chef der britischen Getränkeindustrie (FDF), greift zu einem noch drastischeren Beispiel: Sollte Großbritannien ohne Abkommen und ohne eine Übergangsregelung aus dem Binnenmarkt fliegen, stünden die Laster von Dover bis London 100 Kilometer in der Schlange, um auf den Zoll zu warten, fürchtet er. Die Warnungen zeigen: Die Vorstellung, dass Großbritannien einfach den Verhandlungstisch verlassen und auf eine Einigung mit der EU verzichten könne, stößt in der britischen Wirtschaft auf wenig Gegenliebe.

Theresa May hat das bemerkt und lenkt ein, ganz langsam, still und leise. Nigel Farage von der Rechtspartei Ukip mag das Europäische Parlament, dem er selbst angehört, mit Mafia-Vergleichen provozieren – die Premierministerin schlägt andere Töne an. Auf ihrer Fernost-Reise diese Woche gab sie zu erkennen, dass es nach dem Brexit wohl doch eine Interimslösung geben werde, um ein neues Abkommen mit der EU auszuhandeln.

Die Realität hat Theresa May eingeholt, der Druck aus der Wirtschaft tut sein Übriges. Man stelle sich nur einmal vor, was es bedeuten könnte, wenn Großbritannien im Frühjahr 2019 wirklich ohne Übergangsregelung aus der EU stolpern würde: An den europäischen Flughäfen wären sämtliche Flüge von EasyJet und Ryanair  innerhalb der EU gestrichen. In Spanien würden die englischen Rentner – außer im akuten Notfall – nicht mehr vom Arzt behandelt. Die britischen Hotels und Gaststätten verlören einen großen Teil ihrer Arbeitskräfte, da 75 Prozent der Bedienungen, 25 Prozent der Köche und 37 Prozent des Reinigungspersonals aus der EU kommen und auf einen Schlag in Großbritannien keine Arbeits- und Aufenthaltsberechtigung mehr hätten. Der Schwund im britischen Gesundheitssektor wäre ähnlich groß.

30 bis 40 Prozent Zoll

Der britische Außenminister Boris Johnson behauptet, Großbritannien ginge es ohne Deal mit der EU ganz "wunderbar". Doch der parlamentarische Ausschuss "für den Austritt aus der EU" hat der  Regierung einen Rüffel erteilt: "Ohne eine Untersuchung der wirtschaftlichen Auswirkungen und ohne Nachweis, dass Maßnahmen eingeleitet werden, um den Schaden zu begrenzen, ist die Behauptung der Regierung 'keine Vereinbarung ist besser als eine schlechte Vereinbarung' nicht gerechtfertigt", erklären die Abgeordneten in einem Bericht.

Zwar verweigerten mehrere Mitglieder des Ausschusses dem Report ihre Zustimmung, weil sie ihn zu negativ fanden. Aber selbst David Davies, der EU-skeptische Minister des Brexit-Ministeriums, räumte im März vor dem Ausschuss ein, dass Großbritannien "ohne Deal" auf Konsequenzen gefasst sein müsse: auf Zölle (30 bis 40 Prozent auf manche Agrarprodukte), Zoll-Inspektionen (auch an der Grenze zwischen der irischen Republik und Nordirland), auf ein Ende des europäisch-amerikanischen Luftfahrtabkommens Open Skies, möglicherweise auf eine Ende der EU-Anerkennung der gegenseitigen Krankenversicherungen, auf das Ende des Passporting, also der Möglichkeit der britischen Finanzindustrie, grenzüberschreitend Produkte in der EU anbieten zu können. Hinzu komme die Unsicherheit über Übertragungsrechte im digitalen Bereich. Doch trotz alledem habe die Regierung seit dem Brexit-Referendum im Juni 2016 die möglichen Folgen eines "no deal" nicht genauer analysiert.

Während Boris Johnson und Handelsminister Liam Fox der Bevölkerung einreden, dass "no deal" eine realistische Verhandlungsposition sein könne, nennt Paul Drechsler, Vorsitzender des britischen Industrieverbandes CBI, diese Haltung "unverantwortlich".  Nach den Regeln der Welthandelsorganisation, die in diesem Fall automatisch maßgeblich wären, würden 90 Prozent des britischen Exports in die EU mit Zöllen belegt, und der bürokratische Aufwand für Firmen, die ihre Produkte auf dem Kontinent verkaufen möchten, wäre immens. "In Wahrheit können sich viele Unternehmer darauf gar nicht vorbereiten. Die Kosten wären so hoch, dass es sich einfach nicht rechnen würde", sagt Drechsler.

Gibt es keine Übergangsregelung, erhält Großbritannien von einem auf den anderen Tag einen rechtlich anderen Status. Will es – wie angestrebt – nicht mehr Mitglied des Binnenmarktes, des Europäischen Wirtschaftsraumes oder der Zollunion sein, muss die EU es zwingend behandeln wie jeden anderen Drittstaat auch. Großbritannien wäre dann nicht besser gestellt als die USA oder Brasilien. Das hätte Konsequenzen für jede Branche in Industrie und Handel, für den Luftverkehr, die Telekommunikation, das Hotelgewerbe, die Landwirtschaft, für die Forschung und die Zusammenarbeit mit der EU auf zahlreichen Ebenen.

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