ZEIT ONLINE: Frau Kemfert, in Ihrem neuen Buch schreiben Sie, die Energiewende sei nicht schuld an den hohen Strompreisen in Deutschland. Ernsthaft?

Claudia Kemfert: Zu behaupten, der Strom sei wegen der Energiewende so teuer, ist ein reines Ablenkungsmanöver. Fakt ist: Die Erneuerbaren werden immer billiger, denn die Kosten von Wind- oder Solarstrom sinken kontinuierlich. Aber weil in Deutschland immer noch so viele alte Kohle- und Atomkraftwerke am Netz sind, wird hierzulande viel zu viel Strom produziert. Das Überangebot lässt den Strompreis an der Börse stark sinken...   

ZEIT ONLINE: ...und eben weil die Energiewende so merkwürdig konstruiert ist, treibt genau das den Preis für die privaten Endverbraucher in die Höhe.

Kemfert: Das stimmt nicht ganz. Richtig ist: Die EEG-Umlage basiert auf einem paradoxen Effekt. Wer eine Wind- oder Solaranlage betreibt, bekommt dafür – je nach Art und Größe der Anlage – eine Einspeisevergütung in fixer, garantierter Höhe. Der Börsenstrompreis liegt in der Regel darunter, und die EEG-Umlage finanziert die Differenz. Je tiefer der Strompreis an der Börse sinkt, desto höher ist also die Umlage. 

Das ist ein kostenneutraler Weg zur Förderung der Erneuerbaren, und für den Endverbraucher müsste das eigentlich zu stabilen Preisen führen. Wer den Erfolg von Wind und Sonne für steigende Endverbraucherpreise verantwortlich macht, ist unehrlich oder betreibt ein gezieltes Täuschungsmanöver. Für die steigenden Strompreise gibt es viele andere Gründe.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Claudia Kemfert: Das fossile Imperium schlägt zurück. Warum wir die Energiewende jetzt verteidigen müssen. Murmann Verlag, 2017. © Murmann Verlag

Kemfert: Ein nicht unwesentlicher ist eben, dass zu viele konventionelle Kraftwerke am Netz sind und zu viel Strom produzieren. Außerdem: Dass die Politik alten, ineffizienten Kohlekraftwerken eine Abwrackprämie zugestanden hat, die jetzt auf den Strompreis draufsattelt. Dass energieintensive Unternehmen die EEG-Umlage nicht zahlen müssen, also derzeit vom super-billigen Strompreis profitieren, und die privaten Verbraucher deren Anteil übernehmen müssen.

Hinzu kommt ein völlig überdimensionierter Netzausbau – für den Überschuss an Strom, der erzeugt wird, eben weil die ineffizienten Kohlekraftwerke noch am Netz sind. Auch den Netzausbau zahlen die Verbraucher. Die Energiewende ist nicht wegen der Erneuerbaren teuer, sondern weil wir viel zu lange an der alten Infrastruktur festhalten. So müssen die jungen Energien quasi die Rente für die ohnehin jahrzehntelang gepäppelten alten Energien bezahlen. Wir finanzieren die Vergangenheit, statt in die Zukunft zu investieren.

Wir brauchen Mindestkapazitäten gegen Blackouts genauso wenig wie Butterberge gegen den Hunger.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, es seien zu viele konventionelle Kraftwerke am Netz – aber Wind und Sonne liefern ihre Energie nur sehr schwankend, und man braucht die Kohle immer noch für die Grundlast. Und der Atomausstieg ist doch definitiv bis 2022 geplant – selbst wenn es nun schneller ginge, so haben die Investoren durch das fixe Datum wenigstens Rechtssicherheit. Soll man die nun wieder über Bord werfen?

Kemfert: Der Mythos Grundlast! Kohlekraftwerke seien nötig, um die Versorgung sicherzustellen: Das wird gern behauptet, ist aber falsch. Wir brauchen Mindestkapazitäten gegen Blackouts genauso wenig wie Butterberge gegen den Hunger. Und wir brauchen für die erneuerbaren Energien auch keinen Netzausbau: Zwei von drei neuen Trassen dienen dem Transport von Kohlestrom! 

Wenn man die Wende wirklich will und die Ziele der Bundesregierung zum Umbau des Energiesystems ernst nimmt, dann muss man die konventionellen Kraftwerke nach und nach abschalten. Dass der Atomausstieg beschlossen wurde, ist gut und richtig, aber wir müssen auch an die besonders klimaschädliche Kohle ran.

Bis zum Jahr 2009 wurden Kohlekraftwerke runtergefahren, wenn sehr viel erneuerbarer Strom im Netz war; technisch war das problemlos möglich. Warum soll das heute nicht funktionieren? Aber weil der Gesetzgeber die Regeln geändert hat, wird heute der Kohlestrom bevorzugt. Das macht das ganze System ineffizient und teuer, und es bremst die Energiewende weiter aus.

Wenn wir alle neuen technischen Möglichkeiten nutzten, bräuchten wir keine Kohlekraftwerke.

ZEIT ONLINE: Wie ginge es denn besser?

Kemfert: Wir brauchen flexiblere, dezentrale Strukturen, auch auf regionaler Ebene. Digital gesteuerte Netze, durch die sich Stromangebot und Nachfrage flexibel aneinander anpassen. Die Erneuerbaren müssen so aufeinander abgestimmt werden, dass sie zu jeder Zeit Versorgungssicherheit garantieren können. Das geht auch mit Solar, Wind, Biomasse und Wasserkraft – und mit den entsprechenden Speichern.

Die Technik dafür gibt es: In Hamburg beispielsweise denkt man über einen riesigen unterirdischen Wärmespeicher nach, der Sonnenenergie aufnehmen soll, aber auch die Abwärme von Fabriken und Rechenzentren. Im Winter will man Wärme aus der überhitzten Elbe gewinnen. Wenn wir all die neuen Möglichkeiten nutzten, bräuchten wir weder Kohlekraftwerke für die Grundlast noch überdimensionierte, viel zu teure neue Stromleitungen zwischen Nord- und Süddeutschland.

ZEIT ONLINE: Aber vielleicht brauchen wir sie im Moment noch, um den Übergang in die neue Welt zu schaffen.

Nachhaltigkeit - "Wir sollten erneuerbare Energien und Rohstoffe nutzen" Fossile Brennstoffe schaden der Umwelt. Warum machen wir nicht mehr aus Pflanzen? Ein Zwischenruf von Lukas Hinkelmann © Foto: Zeit Online