Das Treffen mit dem chinesischen Staatschef Xi Jinping ist der bisher wohl größte diplomatische Test für Donald Trump. Selbst die Risiken des ersten Handschlags wurden im Vorfeld in den US-Medien diskutiert; schließlich hatte es schon mit dem japanischen Premierminister Shinzo Abe und der deutschen Kanzlerin Angela Merkel unangenehme Momente gegeben, weil der US-Präsident entweder Hände quetschte oder gar nicht ergreifen wollte. Leistet er sich dem chinesischen Präsidenten gegenüber einen ähnlichen Fauxpas, könnte das ernste Konsequenzen haben – nicht nur, weil die Chinesen öffentliche Gesten ernster nehmen als andere. Die Atmosphäre des Treffens sei für Peking ebenso wichtig wie die Inhalte, warnten Kenner von Xi vorab.

Die Atmosphäre zwischen den USA und China aber ist nach den vergangenen Monaten angespannt. Im Wahlkampf hatte Trump China vorgeworfen, Amerika durch Währungsmanipulationen und Handelstricks zu "vergewaltigen", und er versprach einen Strafzoll von 45 Prozent auf chinesische Importe. Im Präsidentenamt angekommen telefonierte er zuerst mit der Staatschefin Taiwans, Tsai Ing-Wen – und ignorierte damit vier Jahrzehnte diplomatischer Balanceakte zwischen dem Weißen Haus und Peking. Vor gut einer Woche schließlich verordnete Trump per Dekret, die Handelsdefizite der USA ausführlich zu prüfen und stärker gegen Dumpingpreise aus dem Ausland vorzugehen. Es war eine Warnung vor allem in Richtung Peking. Das Treffen mit Xi, stellte Trump auf Twitter passend fest, werde "sehr schwierig".

Bei den zweitägigen Gesprächen in Trumps Golfresort Mar-a-Lago dürften – neben den nuklearen Ambitionen Nordkoreas – vor allem die Handelsbeziehungen beider Länder auf dem Programm stehen. Das Handelsdefizit der USA mit China beträgt 347 Milliarden Dollar, das ist mehr als die Hälfte des gesamten US-Handelsdefizits und viel mehr als noch vor ein paar Jahren. Für Trump ist das ein entscheidendes Indiz dafür, dass die wirtschaftlichen Beziehungen beider Supermächte zugunsten von China aus dem Gleichgewicht geraten sind. Die Amerikaner importieren aus China Kleidung, Schuhe und Elektronik im Wert von rund 463 Milliarden Dollar, liefern aber selbst gerade mal Waren im Gegenwert von 116 Milliarden Dollar. Darunter sind hoch entwickelte Maschinen, Flugzeuge und Agrarprodukte. Die Ausbildung von rund 350.000 chinesischen Studenten in den USA bringt zusätzliches Geld, aber es reicht nicht, um die Differenz auszugleichen.

In den vergangenen Jahren hat sich die wirtschaftliche Dynamik verändert. Um die Jahrtausendwende gab es in den USA noch 17 Millionen Fabrikjobs. Dann trat China der Welthandelsorganisation bei. Das Land produzierte billiger und eroberte den US-Markt; heute sind noch 13,5 Millionen Fabrikjobs in den USA übrig. Ökonomen argumentieren, die Amerikaner hätten dennoch profitiert: Weil sie günstigere Importwaren kaufen konnten, blieb ihnen mehr Geld für Gesundheitsvorsorge, Freizeit oder Reisen. 2,5 Millionen Jobs in den USA hängen laut Schätzungen am Handel mit Peking. Allein der Bundesstaat Iowa hat seine Exporte nach China zwischen 2003 und 2012 verfünffacht. Heute ist China der wichtigste Handelspartner, noch vor Kanada.

Chinas Markt für viele US-Firmen versperrt

Trotzdem bleibt die Beziehung angespannt. Über Jahre hat China die eigene Währung mithilfe niedriger Leitzinsen künstlich verbilligt, um die Exporte anzukurbeln – das US-Defizit aber wuchs und wuchs. Inzwischen halten viele Experten den Vorwurf der Währungsmanipulation nicht mehr für gerechtfertigt. Doch die Zufuhr ausländischer Güter schränken die Chinesen noch immer stark ein, etwa mit hohen Importzöllen auf Autos. So bleiben den Amerikanern viele chinesische Märkte versperrt, zum Beispiel die Fleischindustrie, der Telekommunikationssektor oder der Transport. Über einen besseren Zugang zu den chinesischen Konsumenten zu verhandeln sei "die vielversprechendste Route für die Gespräche" in Mar-a-Lago, schreibt China-Experte David Dollar von der Brookings Institution in Washington.

In dem komplizierten Umfeld sind beide Länder bemüht, die Grundregeln für die künftige wirtschaftliche Zusammenarbeit festzulegen. Doch selbst im Innern des Weißen Hauses herrscht Uneinigkeit über die langfristige Strategie im Umgang mit dem wichtigen Handelspartner. Während Trumps Wirtschaftsminister Wilbur Ross und Peter Navarro, China-Kritiker und Chef des Handelsrates, einen aggressiveren Kurs in Form einer Grenzsteuer befürworten, also einer pauschalen Abgabe auf Importe, sprechen sich Finanzminister Steven Mnuchin und weitere Wirtschaftsberater für gezielte Eingriffe in bestimmte Branchen aus.

Im schlimmsten Fall ein Handelskrieg

Eine Grenzsteuer würde die chinesischen Exporte nach Amerika stärker belasten und größeren Einfluss auf das Handelsdefizit haben. Zugleich wehren sich aber vor allem amerikanische Einzelhändler gegen diesen Schritt. Einzelne Eingriffe wiederum tragen ein größeres diplomatisches Risiko und würden laut Experten zu einer ganzen Reihe von Konflikten zwischen China und den USA führen. Peking könnte reagieren, indem es Importe aus den USA weiter einschränkt und etwa die Flugzeuge künftig in Europa bestellt. Im schlimmsten Fall könnte der Wettstreit in einem Handelskrieg münden.

Dass es bei dem zweitägigen Treffen in Florida angesichts solcher Schwierigkeiten zu großen öffentlichen Zugeständnissen kommt, ist unwahrscheinlich. Schon im Vorfeld waren viele konkrete Pläne von Trump vagen Andeutungen gewichen. Der US-Präsident braucht nach innenpolitischen Rückschlägen dringend einen außenpolitischen Erfolg. Xi aber muss sich für den Parteitag im Herbst rüsten, auf dem seine eigene politische Zukunft auf dem Spiel steht und zu dem er angesichts eines schleppenden Wirtschaftswachstums zumindest symbolische Erfolge mitbringen will. Nicht umsonst hatte der chinesische Präsident um ein informelles Treffen fernab von Washington gebeten, um sich eine Pressekonferenz und feste Zusagen zu ersparen.

Einen winzigen Einblick in die Gespräche gab es dennoch. "Wir hatten bereits ein sehr langes Gespräch", erklärte Trump in einem kurzen Fernsehauftritt. Man habe bereits eine Freundschaft entwickelt und werde diese in Zukunft vertiefen. "Auch wenn ich bislang nichts bekommen habe", scherzte er, "absolut nichts."

Beobachter erwarten bestenfalls kleinere Geschenke. Während Trump Taiwan in einer öffentlichen Stellungnahme als chinesisches Gebiet anerkennen könnte, könnte China im Gegenzug Investitionen in amerikanische Fabriken rund um den Rust Belt oder die Bestellung von neuen Boeing-Maschinen versprechen. Das wären konkrete Ergebnisse, die sich auch in den USA als schneller Sieg per Twitter verkaufen lassen.