EZB - Keine Zinserhöhung trotz besserer Konjunkturperspektiven Die Europäische Zentralbank belässt den Leitzins auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent. Dort liegt er bereits seit März 2016. Damit will die EZB für günstige Finanzierungsbedingungen sorgen. © Foto: Kai Pfaffenbach/Reuters

Mario Draghi und seine Europäische Zentralbank kennen die Anfeindungen aus Deutschland: Vor allem seit Ende des Jahres die Inflationsrate im Euroraum wieder gestiegen ist, wirft man der Frankfurter Zentralbank eine Enteignung der deutschen Sparer vor. Die jüngste Entscheidung des EZB-Rates, den Leitzins unverändert auf null zu halten und die Anleihekäufe fortzusetzen, wird die Kritiker nicht verstummen lassen. Doch die Anschuldigungen sind unfair.

Die Vorwürfe gegen die Geldpolitik des EZB-Chefs Draghi speisen sich aus einem vermeintlichen Interessenkonflikt, den man in Deutschland schon länger beklagt: Die niedrigen Zinsen seien vor allem für den Süden des Euroraums und für Frankreich nützlich, für Deutschland hingegen längst nicht mehr notwendig bis schädlich, auch weil sie die Geschäftsgrundlage vieler Banken hierzulande erodieren ließen.

Es stimmt, dass die Bedingungen in Deutschland angesichts dieser Politik nicht ideal sind, dennoch lässt diese Betrachtungsweise einen elementaren Faktor außer Acht: Es liegt nicht im Mandat der Europäischen Zentralbank, ein Land innerhalb der Eurozone zu bevorzugen oder zu benachteiligen. Die EZB muss das Wohl der Währungsunion als Einheit betrachten und dementsprechend agieren. 

Klitzekleinwenig mehr Zinsen

Die Kritiker der Geldpolitik Draghis fordern von der EZB, den Leitzins anzuheben. Sie sollten sich aber ernsthaft fragen, was geschehen würde, wenn die zu früh passiert. Dem deutschen Sparer würde das vielleicht ein klitzekleinwenig mehr Zinsen bringen, sofern die Banken diese tatsächlich sofort an ihre Kunden durchreichen. Der Effekt aber auf die Volkswirtschaften der anderen Euroländer wäre viel direkter spürbar, denn das dortige zarte Wachstum dürfte jäh beendet werden. Auch die Folgen für die Exportnation Deutschland ließen nicht lange auf sich warten.

Abgesehen von diesem Risiko spricht auch die Entwicklung der Inflationsrate gegen eine zügige Änderung der Zinspolitik der EZB. Die Preisentwicklung müsse noch "einen überzeugenderen Aufwärtstrend zeigen", sagte Draghi nach der Zinsentscheidung. Und er hat recht damit. 

EZB-Politik zeigt langsam Wirkung

Die Inflation im Euroraum ist zwar im Februar auf zwei Prozent gestiegen und hatte den Zielwert der EZB damit kurzfristig erreicht, doch schon im März fiel der Wert wieder auf 1,5 Prozent zurück. Erklärt werden kann dies damit, dass sich die Teuerung derzeit noch zu einem großen Teil aus stark schwankenden Faktoren speist, etwa Energie- und Lebensmittelpreise. Erst wenn sich diese Effekte verstetigen und sich die Inflationsrate nahe den angestrebten zwei Prozent hält, sollte die EZB die Zinswende einleiten.

Es hat zwar lange gedauert, doch zeigt die Geldpolitik der EZB allmählich eine Wirkung. Die Kreditvergabe der Banken an Unternehmen und Privatpersonen im Euroraum steigt, die Wirtschaft investiert das Geld, das die EZB ihr günstig zur Verfügung gestellt hat.

Die Kritiker in Deutschland, auch aus den etablierten Parteien und den großen Lobbyverbänden, sollten sich ein bisschen gedulden und Verantwortung zeigen, statt den Ärger der Menschen über die niedrigen Zinsen für einen antieuropäischen Bundestagswahlkampf zu benutzen. Sonst werden am Ende alle in Europa verlieren.