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Dieser Text gehört zu unserer neuen Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE in den kommenden Monaten aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres neuen Sonderressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

Weitere Informationen über das Projekt #D17

Kurz vor dem Ende stellt Alexa Webert noch einmal ihren Rollator vor der Tür ab. Sie geht, den Körper auf einen Gehstock gestützt, die Sandsteintreppe hinauf, durch die zwei verglasten Türen hindurch in den Raum mit den roten Polsterstühlen. Sie tritt an den Schalter, blickt auf und sagt: "Hallo. Zum letzten Mal heute."

Es ist ein warmer Tag Ende März, und Webert, 82 Jahre alt, weiß nicht, ob sie die junge Frau vor sich noch einmal sehen wird.

"Wir kennen uns schon lange", sagt Alexa Webert.

"Seit 2012, oder, Frau Webert? Da hab ich hier angefangen", sagt Vanessa Scherg. "Wir sehen uns bestimmt noch mal."

"Vielleicht", sagt Alexa Webert. "Vielleicht. Ich komm nicht mehr so oft weg."

"Aber gehen Sie zum Friseur drüben? Dann sehen wir uns da. Ich wechsel ja nicht den Friseur, nur weil ich hier weggeh."

In Habichsthal, Unterfranken, macht die örtliche Bankfiliale dicht. Eröffnet in den achtziger Jahren, schließt sie an diesem Donnerstag im März für immer. Sie verschwindet, weil in Habichsthal zu wenige Menschen eine Bank brauchen. Sie verschwindet auch, weil viele Kunden von früher lieber ins Internet gehen statt an den Schalter. Die Finanzwelt digitalisiert sich, und mit der Digitalisierung verschwinden die Bankfilialen überall in Deutschland. Allein die Sparkassen und Raiffeisenbanken haben in den vergangenen zehn Jahren zusammen rund 5.000 Zweigstellen geschlossen. Die Zahl der Volks- und Raiffeisenbanken hat sich seit den neunziger Jahren fast halbiert.

In den vergangenen fünf Jahren hat Vanessa Scherg, 24 Jahre alt, im schmalen Raum der Raiffeisenbank Habichsthal am Tresen gesessen, auf ihrem Platz hinter schusssicherem Glas, immer mittwochs von 9 bis 12 Uhr und donnerstags von 14 bis 17 Uhr. Und Alexa Webert hatte hier ihr Konto, kam zweimal im Monat an Schergs Schalter und ließ sich Bargeld auszahlen. Bis zu diesem Donnerstag, an dem Scherg noch einmal die Bank betreten hat, um die Raiffeisenbank Habichsthal endgültig zu schließen. Und Alexa Webert noch einmal Tschüss sagen will.

14.05 Uhr. Vanessa Scherg hat die Türen aufgesperrt.

"Hast du Kaffee gekocht?", ruft eine Kundin, als sie den Raum betritt.

"Leider nicht, heute nicht", ruft Scherg.

"Heute ist doch der letzte Tag!", sagt die Frau. Und: "Hallo, Mäuschen" zu Webert, die jetzt auf einem der Polsterstühle sitzt, den Arm auf den Gehstock gestützt.

Wenn Webert bisher mit dem Rollator zur Bankfiliale ging, brauchte sie keine Viertelstunde. Durch die hölzerne Gartentür ihres Hauses, die Straße hoch, nach rechts, an der Kirche vorbei. Webert ist krank, die Nerven in ihren Beinen funktionieren nicht mehr richtig. Sie kann nur schwer ihr Gleichgewicht halten, sie braucht immer etwas zum Festhalten. Das Regal, die Spüle, den Türrahmen. Wenn sie einmal sitzt, kommt sie schwer wieder in die Gänge. Manchmal fühlen sich ihre Beine an, als wären sie nicht mehr da.

Alexa Webert in der Küche ihres Hauses © Nicolas Armer für ZEIT ONLINE

Webert hat kurzes, graues Haar. Auf dem Kopf trägt sie eine Häkelmütze, obwohl es gar nicht kalt ist, und um den Hals hat sie einen Seidenschal gewickelt. Seit rund 60 Jahren lebt Webert in Habichsthal, und lange Zeit war ihr Leben voller Einschränkungen. Fast 20 Jahre lang pflegte sie ihre Schwiegermutter, danach folgten zehn Jahre, in denen sie mit der Krankheit ihres Mannes zu kämpfen hatte, der manisch-depressiv war. Als ihr Mann vor drei Jahren starb, hatte sie das Gefühl, endlich frei zu sein. Ein Teil dieser Freiheit bestand darin, dass sie jederzeit zur Bankfiliale gehen konnte, um die Dinge zu erledigen, die sie braucht. Ein bisschen Bargeld holen, damit sie das Tiefkühlgemüse bezahlen kann, das ihr geliefert wird. Hin und wieder einen Kontoauszug ziehen.

Erst kürzlich schlossen elf Filialen in der Region

Wenn in der Großstadt eine Filiale einer Bank schließt, ist die nächste nicht weit. In Orten wie Habichsthal verändert es den Alltag. Wer ein Auto hat, kann in den Nachbarort fahren, aber viele alte Leute können oder wollen nicht mehr fahren. Mit ihrem Schwerbehindertenausweis kann Webert kostenlos Bus fahren – wenn der Bus denn fährt. Sie ist auf Hilfe angewiesen, um es über den Spalt zwischen Busrampe und Gehsteig zu schaffen. Und sie muss im Nachbarort eine Nachbarin abpassen, damit sie mit ihr im Auto nach Hause fahren kann.  Jetzt, da die Bank schließt, wird Webert mit dem Bus nach Frammersbach fahren müssen, rund neun Kilometer entfernt. Vielleicht muss auch ihr Sohn einspringen und ihre Bankangelegenheiten im Internet regeln.

14.30 Uhr. Eine ältere Frau kommt in die Raiffeisen-Filiale, nur kurz Geld holen. "Das war hier bequem", sagt sie. "Die jungen Leute machen nur Online. Wir können das nicht."

14.45 Uhr. "Schriftlich funktioniert immer besser, das glauben die Jungen nur nicht", sagt eine Kundin. Wie Webert hat sie noch Onlinebanking versucht. Viele der Älteren füllen lieber Überweisungsscheine aus. Aus Gewöhnung. Und weil sie dem Internet nicht trauen.

Für Webert ist das, was im Netz geschieht, ein Rätsel. Sie hat keinen Internetanschluss, Onlinezeitungen kennt sie nicht, Onlinebanking kann sie nicht. Sie besitzt ein Notruf-Armband, aber kein Handy. Sie ahnt, dass Onlinebanking für viele Menschen mehr Freiheit und Zeitgewinn bedeutet, auch für die Jungen im Ort, von denen es neuerdings wieder mehr gibt, weil die Grundstückspreise so billig geworden sind. Diese Leute fahren mit dem Auto zur Arbeit, sie pendeln nach Frankfurt oder Aschaffenburg. Und sie regeln ihre Bankgeschäfte längst über das Netz. Für Webert hat die Digitalisierung nichts Gutes gebracht. Für sie bedeutet das nur, dass sie nicht mehr zur Bank gehen kann wie bisher.

Das Gebäude der Raiffeisenbank © Nicolas Armer für ZEIT ONLINE

Habichsthal wurde vor Jahren eingemeindet, der Ort gehört heute zu Markt Frammersbach. 340 Menschen leben hier. Es gibt eine Goldschmiede und eine Kneipe im Ort, vor der Ausflugsbusse halten. Einen Metzger gibt es nicht mehr, auch keinen Bäcker mehr, keinen Arzt. Eine Schule fehlt und auch ein Kindergarten. Wenn es in einem Ort schon lange keine Lebensmittel mehr zu kaufen gibt, kein Arzt mehr da ist, sagt die Raiffeisenbank, könne man das nicht ignorieren. Wo alle weggehen, ist für eine Bank nichts mehr zu holen. 340 Menschen sind für eine Bank auch nur 340 potenzielle Kunden. Es lohnt sich einfach nicht, für Raum und Mitarbeiter und Strom und Material zu zahlen, wenn an einem Nachmittag so viele Kunden kommen wie in der Filiale in Habichsthal.

Ende März schlossen allein im unterfränkischen Landkreis Main-Spessart elf Raiffeisenbanken. Fast alle waren Kleinstfilialen wie die in Habichsthal. Ein paar Quadratmeter groß und schon bisher nur an zwei Tagen die Woche geöffnet. Nicht immer nehmen die Bewohner der Orte das einfach hin. In manchen Gemeinden organisierten die Bewohner Trauermärsche, wenn die örtliche Filiale schloss, als Zeichen des Protests. "Es geht immer rückwärts", sagt ein Mann in Habichsthal. "Wir sind Notstandsgebiet, und wir werden ärmer." Das ist das Gefühl, das jede Filialenschließung begleitet.

15.00 Uhr. Schade, wirklich – das sagen alle, die an diesem letzten Donnerstagnachmittag noch einmal zu Vanessa Scherg an den Schalter gehen. Aber trotzdem, sagt Scherg, gab es Tage, da kamen bloß sechs oder zehn Kunden.

"Merken tun sie's halt auch erst, wenn's weg ist", sagt Scherg.

Scherg trägt schwarze, an der Seite rasierte Haare, ein weißes Top, graues Strickjäckchen. Sie hätte mehr Kunden betreuen können, wenn sie da gewesen wären. Sie sagt, dass sie ihren Beruf liebt. Sie mag es, mit den Menschen zu reden, ihnen zu helfen, verlorene EC-Karten zu sperren. Vollmachten auszustellen für die Jungen, damit diese die Bankgeschäfte für die Alten übernehmen können.

Wer hier arbeitet, weiß alles

Die meisten ihrer Kunden waren alt, sie erzählen gern, und Scherg hat gerne zugehört. Sie kennt alle im Ort, viel hat sie mitbekommen. Wenn jemand Oma oder Opa wurde. Wenn einer gestorben war. Vanessa Scherg musste sich nicht allzu viele Nachnamen merken, in Habichsthal sind viele verwandt miteinander. Aber sie weiß, welches Leben zu wem gehört, sie weiß, dass Alexa Webert ihren Mann damals über eine Zeitungsannonce kennengelernt hat, und sie weiß, wer eine Zeit lang in Südafrika gewohnt hat und wer nicht so viel herumgekommen ist in der Welt.

"Hier waren alle so offen, sie haben mich behandelt, als wäre ich von hier", sagt Scherg. Sie stammt aus einer kleinen Gemeinde, 30 Kilometer weiter weg. "In der heutigen Zeit ist das ja immer so eine Sache." Ihr Retro-Wohnzimmer nennt Vanessa Scherg den kleinen Bankraum mit den Wandschränken aus hellem Holz. "Ich werd nachher schon Tschüss sagen zu der Filiale", sagt Scherg. Dann streicht sie  langsam über die lackierte Holzplatte auf ihrer Seite des Schalters.

15.30 Uhr. Alexa Webert ist wieder aufgebrochen. Sie steigt die Treppe hinunter zu ihrem Rollator, klemmt den Stock dran und dreht sich zur Straße. Weit kommt sie nicht. "Schön, dich zu sehen", sagt sie. Eine Bekannte, auch am Rollator. Webert löst ihre rechte Hand und fasst hinüber zu ihr, streicht kurz über deren Linke. "Wie geht es dir?" Wie oft werden sie sich noch treffen, wenn die Öffnungszeiten der Bank die Menschen nicht mehr zur gleichen Zeit an diese Stelle treiben?

"Elfriede, du kannst noch mal Geld holen", ruft ein alter Mann einer Frau vor der Bank entgegen. Ein paar Mal 1.000 Euro, einmal 500 Euro heben die Alten an diesem Nachmittag bei Vanessa Scherg noch ab. Es soll reichen für einige Zeit, bis jemand sie mitnimmt in den nächsten Ort.

16.54 Uhr. "Noch sechs Minuten", sagt Scherg. "Und dann ist das Kapitel hier geschlossen." Die Prospektregale aus braun-transparentem Plastik sind leergeräumt. Die Malbücher und Kreiden für Kinder, die Werbe-Feuerzeuge für die Erwachsenen hat sie schon über die vergangenen Wochen auf die Sessel gelegt, zum Mitnehmen.  Die Alten haben sich nicht getraut, zuzugreifen. "Sie haben doch Enkel!", hat Scherg da gesagt. Jetzt ist alles weg. Am frühen Abend macht sie den letzten Kassenabschluss: die Einzahlungen aus dem Friseurladen, aus der Gastwirtschaft, die Auszahlungen an die Rentner.

17 Uhr. Gleich wird Vanessa Scherg aufstehen, von ihrem Stuhl hinter dem schusssicheren Glas. Sie wird durch die Tür von ihrer Seite des Schalters hinaus in den Kundenraum gehen, dann durch die erste Tür in den Vorbau, wird sie zusperren, dann die zweite Tür. Vor der Sandsteintreppe hat sie ihr Auto geparkt.

Jeder hier kennt ihren Wagen, Alexa Webert wusste immer, ob die junge Frau am Schalter sitzt oder ein Kollege. Vanessa Scherg wird wegfahren, aber sie will ja wiederkommen, mindestens zum Friseur. Der Stromkasten ist hinter ihrem Stuhl in die Wand vermauert. Sie geht hinüber, öffnet das Türchen und legt den Schalter um.