Florian Leibert, 34, begann seine digitale Karriere als Schüler in Schweinfurt. Mit 10 Jahren hackte er den PC seines Vaters, mit 15 startete er seine erste Firma. Nach einem Informatik-Studium im badischen Bruchsal, Stationen beim Kurznachrichtendienst Twitter und der Mitwohnzentrale Airbnb gründete er mit zwei Schulfreunden in San Francisco ein Start-up.

Mesosphere will eine Art Betriebssystem für das 21. Jahrhundert bauen. Mit der Software Mesos, auf der das Start-up aufbaut, lassen sich Zehntausende von Rechnern steuern, als seien sie einer. Die Technik wird bereits von großen Autoherstellern, von Apple, Twitter, Netflix, Airbnb, eBay, PayPal, Yelp, Verizon oder SAP eingesetzt. Führende Risikokapitalgeber wie Google-Investor Kleiner Perkins oder Facebook-Investor Andreessen Horowitz finanzieren Mesosphere, außerdem Microsoft und, so heißt es, die CIA.

ZEIT ONLINE: Herr Leibert, ist Ihnen aufgefallen, dass Ihre Lebensgeschichte wie ein schlechtes TV-Drehbuch klingt? Der Florian aus Schweinfurt, der als Schüler immer Websites gebastelt hat, geht ins Silicon Valley und rettet die kollabierende Technik von Twitter. Sein bester Schulfreund Tobias ist zufällig auch da und baut gerade die Technik von Airbnb auf. Da gründen die beiden mit Ende 20 im sonnigen San Francisco eine Firma, die flugs um die 100 Millionen Dollar wert ist. So etwas würde nicht einmal das deutsche Fernsehen verfilmen.

Florian Leibert: Wie unglaubwürdig unsere Story klingt, ist mir tatsächlich erst aufgefallen, als wir Risikokapital gesucht haben. Da waren wir gezwungen, sie zu erzählen, denn Investoren wollen natürlich die Gründungsgeschichte eines Start-ups hören. Es gab bei uns schon viele glückliche Zufälle.

ZEIT ONLINE: Rein zufällig auch ist der dritte im Bunde ein Sohn der Gastfamilie, bei der Sie während eines US-Schuljahrs mal gewohnt und den Sie zum Programmieren gebracht haben. Ben Hindman ist heute Schöpfer eines weltweit eingesetzten Systems für Cloud Computing, auf dem Ihr Start-up aufbaut.

Leibert: Ja, das klingt absurd. Aber es ist natürlich die beste Ausgangslage: Meinen beiden Freunden kann ich völlig vertrauen, was sonst eines der größten Probleme ist, wenn man gemeinsam ein Start-up gründet.

ZEIT ONLINE: Erklären Sie bitte, was Sie da genau machen? Und bitte so, als wäre es für die Sendung mit der Maus?

Leibert: Klar. Alle zwei Jahre verdoppelt sich die weltweite Datenmenge. Nicht nur, weil wir Menschen immer mehr Daten erzeugen, wenn wir Fotos machen, Whatsappen oder auf Facebook posten. Mittlerweile produzieren viele unserer Geräte, die wir zum Beispiel im Haushalt nutzen oder bei der Arbeit, noch viel größere Datenberge. Das ist ein Riesenproblem, weil man die ja irgendwie verarbeiten muss, und zwar am besten live, während sie entstehen, damit Dienste zuverlässig laufen und ohne Aussetzer genutzt werden können. Für all das braucht man gigantische Rechenzentren, in denen Tausende oder Zehntausende von Computern parallel arbeiten. Wir machen eine Software, die diese Schwärme aus Computern so einfach steuert, als wären sie bloß ein einziger Computer.

ZEIT ONLINE: Sie sind also eine Art Bill Gates für die Cloud. Sie machen ein Betriebssystem dafür. 

Leibert: Wenn Sie so wollen. Denken Sie nur an selbstfahrende Autos. Wenn die jetzt in Serie produziert werden, wird jedes davon am Tag ein halbes Petabyte produzieren...

ZEIT ONLINE: ...eine halbe Million Gigabyte...

Leibert: ...und die müssen schleunigst weiterverarbeitet werden. Die Autos sollen ja dazulernen, immer besser fahren und weniger Unfälle bauen.

ZEIT ONLINE: Es ist bemerkenswert, dass nicht nur Telekom-Konzerne und Autohersteller, sondern auch tonangebende Software-Hersteller wie Apple oder SAP einen Code nutzen, der maßgeblich von Schulfreunden aus Schweinfurt entwickelt wird.

Leibert: Das sind jetzt nicht alles unsere Kunden.

ZEIT ONLINE: Aber Sie nutzen die Software Mesos, die von Ihrem Freund Ben mit entwickelt wurde und von Ihnen maßgeblich ausgebaut wird.

Leibert: Ja, gerade viele große Firmen haben begonnen, sie einzusetzen. Mesos ist heute eine Plattform für alle nur erdenklichen, riesigen Rechenzentrums-Anwendungen von Siri bis zu ganzen Mobilfunk-Infrastrukturen. Und sie ist Open Source, das heißt, jeder kann sie einfach kostenlos herunterladen und sogar umschreiben.

ZEIT ONLINE: Wie gerät man aus der Schweinfurter Informatik-AG ins Zentrum des Silicon Valley?

Leibert: Tobias Knaup und ich haben, als wir 15 waren, im Gymnasium unsere Firma Knaup Multimedia gegründet. Wir haben Onlineshops programmiert. Ein Kunde war zum Beispiel ein führender Eishockey-Versandhändler. Für uns war klar, dass wir Informatik studieren wollen. Als ich 17 war, bin ich dann im Austauschjahr auf eine High School in Colorado gegangen. Der Sohn meiner Gastfamilie dort, Benjamin, ist heute unser dritter Mitgründer. Ben konnte ich damals auch fürs Coden begeistern. Weil wir immer zusammen programmiert haben, hat er später auch Informatik studiert.

ZEIT ONLINE: Wieso sind Sie überhaupt dazu gekommen, sich als Schüler mit diesen Dingen zu beschäftigen?

Leibert: Mein Vater hatte früher immer Computer zu Hause rumstehen. Es ging am Anfang eher darum, in diese Rechner reinzukommen, um Spiele zu spielen. Meine Eltern wollten natürlich nicht, dass ich den ganzen Tag spiele. Also installierte mein Vater irgendwann eine Schutzvorrichtung. Ich musste versuchen, das Spiel trotzdem irgendwie zu laden.

ZEIT ONLINE: Sie wurden zum Hacker.

Leibert: Genau, ganz am Anfang haben wir spezielle Ladeprogramme geschrieben, um das Betriebssystem auszutricksen.

ZEIT ONLINE: Wie alt waren Sie da?

Leibert: Zehn vielleicht.

ZEIT ONLINE: Dann waren Sie wirklich früh dran.

Leibert: Ich fand das Programmieren von Anfang an interessant. Tobi habe ich dann in der fünften Klasse kennengelernt. Ich saß mit ihm in einem Kurs zur Programmiersprache Pascal, Informatik war damals ein Wahlfach. Man hat also keine Noten bekommen, weil Religionslehre und der Musikunterricht als wichtiger angesehen wurden. Aber Tobi und ich waren sehr competitive. Es ging zum Beispiel darum, wer coolere Effekte kreieren oder mit bunteren Farben Text-Output anzeigen kann. Das hat richtig Spaß gemacht.

ZEIT ONLINE: Waren Sie ein guter Schüler?

In Mathe war ich ganz ok
Florian Leibert

Leibert: Ich war nicht besonders gut. Ich habe mich damals nicht wirklich um die Schule gekümmert.

ZEIT ONLINE: Auch nicht in Mathematik?

Leibert: In Mathe war ich ganz ok. Aber ich habe relativ wenig Hausaufgaben gemacht. In meiner Schulzeit in Colorado hat sich das dann geändert.

ZEIT ONLINE: Warum wollten Sie in die USA?

Leibert: Ich wollte mal raus aus Schweinfurt. Ich sollte eigentlich nur ein Jahr bleiben. Aber aus einem wurden zwei und ich habe beschlossen, meinen High-School-Abschluss in den USA zu machen. Und danach bin ich auch noch geblieben. Ich habe mich in Colorado nämlich ins Skifahren verliebt. Wir wohnten sehr nah an Aspen und sind viermal die Woche Ski gefahren in der High School.

ZEIT ONLINE: Das klingt nicht nach einer Klischee-Kindheit als Nerd. War damals schon klar, dass Sie im Silicon Valley enden?

Leibert: Nein. Allerdings hatte ich im Auftrag meiner High School ein Programm geschrieben, das aufzeichnet, ob die Schüler ihre Kurse besuchen. Wenn jemand nicht zum Unterricht erschienen ist, konnte der Lehrer es eintragen. Wer eine bestimmte Anzahl Stunden in einem Quartal verpasste, musste am Sonntag nachsitzen.

ZEIT ONLINE: Eine böse Software. Sie waren damit sicher nicht gerade der beliebteste Schüler.

Leibert: Das Beste daran war, dass ich den Administrationszugriff für die Anwesenheitslisten hatte.