Es ist eine bemerkenswert hohe Zahl. 465.000 Flüchtlinge sind aktuellen Daten der Bundesregierung zufolge bei den Arbeitsagenturen als arbeitssuchend gemeldet. Die Leute seien "hoch motiviert und wollen arbeiten", verkündet die Regierung, und: Schon "fast jeder zehnte Betrieb hat Geflüchteten 2016 einen Praktikumsplatz oder eine Ausbildung angeboten". Es soll wohl positiv klingen.

Die Realität sieht anders aus. Denn im Umkehrschluss bedeuten die Zahlen, dass mehr als 90 Prozent der Firmen keine Anstalten machen, Flüchtlinge in ihren Betrieb zu holen, was die Menge der Arbeitssuchenden auf absehbare Zeit nicht gerade schmälern wird – geschweige denn deren Integration fördern. Dabei sagen die Unternehmen in Umfragen mehrheitlich, dass Flüchtlinge hierzulande helfen könnten, den Fachkräftemangel zu lindern. 60 Prozent stimmen dieser Aussage zu, nur zehn Prozent der 600 bundesweit befragten Firmen verneinten sie laut einer Studie der Industrie und Handelskammer (IHK) Berlin.

Warum passiert in den Betrieben dann so wenig?

Laut Zahlen der Arbeitsagentur (BA) wurden rund 130.000 Asylbewerber bis Ende 2016 in Jobs vermittelt. Weitere 47.000 fanden eine geringfügige Beschäftigung; sie verdienen also wenigstens etwas dazu. Bis aber alle einen Platz am Arbeitsmarkt gefunden haben, werde es noch lange dauern, warnte Frank-Jürgen Weise, der scheidende Chef von BA und Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf), zuletzt: Nur zehn bis 15 Prozent fänden innerhalb eines Jahres eine Anstellung; nach fünf Jahren sei rund die Hälfte im Job. Weise stellte auch klar: Flüchtlinge seien keine Antwort auf den Fachkräftemangel, denn die Mehrheit sei gar nicht ausreichend qualifiziert. Überdies klagen bereits einige Firmen, viele Geflüchtete würden gar nicht dauerhaft bleiben, sondern ihre Arbeitsplätze bereits nach kurzer Zeit wieder verlassen.

Besteht also berechtigte Hoffnung, die 465.000 demnächst in Beschäftigung zu bringen – oder nicht? Und was wäre dafür zu tun?

Viele Aktionsprogramme, viel Aktionismus

Die klare Antwort lautet: Alle müssten mehr tun, und vor allem koordinierter vorgehen als bisher. Bisher vermelden zwar Wirtschaftsverbände und Bundesregierung stolz, wie viele Aktionsprogramme sie gestartet haben. Vieles davon erscheine aber im Rückblick als purer Aktionismus, kritisiert Matthias Knuth, Arbeitsmarktforscher der Universität Duisburg-Essen, der für die Friedrich-Ebert-Stiftung die Integration von Flüchtlingen untersucht hat: Die Anstrengungen verschiedenster Akteure seien zwar "in ihrer Vielfalt und hinsichtlich des hohen Engagements beachtlich", findet er. "Das alles ist aber nur gut gemeint und nicht gut gemacht."

Selbst Unternehmensverbände wie der DIHK klagen, dass Firmen, die Flüchtlinge beschäftigen wollen, im Behördendickicht aus Jobcentern, Ausländerbehörden, Landkreisen und Bundesamt für Migration kaum wüssten, wen sie ansprechen sollten. Oft dauere es monatelang, bis klar sei, ob ein Asylbewerber bleiben könne. Daten würden zwischen den Behörden nicht weitergegeben. Eine solche Hängepartie tun sich die wenigsten Firmen an.

Zudem griffen viele Förderprogramme zeitlich zu kurz und orientierten sich eher an formalen Kriterien, statt wirklich diejenigen zu fördern, deren Leistung und Kompetenzen überzeugten, kritisiert die Friedrich-Ebert-Studie. Das Problem sei: "Die meisten Flüchtlinge kommen aus Ländern, in denen eine Berufsausbildung nach deutschem Verständnis nicht existiert. In diesen Ländern ist man entweder Akademiker oder ungelernt", sagt Knuth. Zudem sind viele Dokumente, mit denen nachvollziehbar wäre, in welcher Position jemand zuvor gearbeitet hat, im Heimatland oder auf der Flucht verloren gegangen. Das macht es für Arbeitsvermittler zusätzlich schwer.

Viele Asylsuchende haben laut Statistik tatsächlich ein niedriges Bildungsniveau: Rund jeder Vierte hat demnach nur die Grundschule besucht, bei jedem Fünften sind die Kenntnisse völlig unklar. Insgesamt werden knapp zwei Drittel der arbeitssuchenden Flüchtlinge von den Jobcentern nur als Helfer und Hilfskräfte geführt.