Es müsste ein Grund zur Freude sein, dass in Deutschland wieder mehr Kinder geboren werden – nicht aber für die Hebammen. Ihnen macht der unverhoffte Geburtenboom das Leben schwer. Denn die Zahl der Hebammen sinkt stetig, und damit wird ihre Überforderung und die der werdenden Mütter immer größer. Schuld daran sind Gesetze und der Wirtschaftlichkeitsdruck in den Krankenhäusern.

Die gute Nachricht beschränkt sich daher hierauf: Zwischen 2011 und 2015 hat sich die Zahl der Neugeborenen um 65.000 erhöht. Gut 730.000 Kinder erblickten im Jahr 2015 das Licht der Welt. Für 2016 liegen zwar noch keine bundesweiten Zahlen vor, doch etliche Bundesländer und Kommunen vermeldeten schon neue Rekorde.   

Doch an Krankenhäusern, in denen die Babys zur Welt kommen können, mangelt es. Die Zahl der Kliniken mit Geburtshilfeabteilungen schrumpft seit Jahren: Noch 1991 gab es 1.186 Geburtsstationen, wie die Bertelsmann Stiftung in einer Studie ermittelte, 2014 dagegen waren es nur noch 725, und danach sank die Zahl noch weiter. Der Deutsche Hebammenverband (DHV) verzeichnet 35 tatsächliche und 15 drohende Schließungen seit 2015. 

Auf einer Landkarte der Unterversorgung sammelt der Verband seit zwei Jahren Fälle, in denen Schwangere keine Betreuung fanden. Über 11.000 Einträge gibt es dort bereits. "Schwangere finden vielerorts keine Hebamme mehr, sie müssen 20, 40 oder noch mehr Kolleginnen kontaktieren. Oder sie werden wegen Personalengpässen und Schließzeiten von Kliniken zu anderen Krankenhäusern weitergeschickt", sagt DHV-Referent Robert Manu. Vor allem in den Ballungsräumen wie Hamburg, Berlin oder München, aber auch in ländlichen Regionen wie der Uckermark, dem Bayerischen Wald oder in Thüringen sind Hebammen knapp. Zu knapp, mahnt Manu: "Das Netz der Unterversorgung zieht sich durch ganz Deutschland. Und die Situation wird sich noch verschärfen, da monatlich Kreißsäle schließen."

Selbst mit starken Wehen am Kreißsaal abgewiesen

Was das für werdenden Mütter bedeutet, erklärten Münchener Hebammen jüngst so: Weil die nahe Kreisstadt Bad Tölz ihre Geburtsstation schloss, müssten Schwangere nun 25 bis 30 Minuten übers Land in die nächsten Krankenhäuser fahren, oder hoffen, dass sie rechtzeitig im 50 Minuten entfernten Garmisch oder Starnberg ankommen, wenn die Geburt losgeht. Ins 40 Kilometer entfernte München zu fahren, mache in den wenigsten Fällen Sinn. Die städtischen Kliniken dort wiesen selbst Frauen, die schon starke Wehen hätten, an der Kreißsaaltür ab und schickten sie weiter zum nächsten Krankenhaus, weil die Kapazitäten erschöpft seien.

Selbst die Krankenhäuser, in denen es noch Geburtshilfestationen gibt, klagen immer lauter, dass die Kapazitäten für zusätzliche Geburten fehlten. Die mangelnden Räume sind das eine. Der Mangel an Hebammen aber ist das viel größere Problem. Zwar arbeiten heute mehr angestellte Hebammen in deutschen Kliniken als vor zehn Jahren, belegen die Zahlen des Statistischen Bundesamts. Ihre Zahl stieg seit 2006 um rund 1.000 auf 9.080 an. Doch auch wenn das üppig klingt, entscheidend ist eine andere Zahl: 72 Prozent dieser Mitarbeiterinnen arbeiten lediglich in Teilzeit – vor zehn Jahren waren es nur 67 Prozent. Und gut ein Drittel aller Hebammen schiebt nicht mehr als 20 Wochenstunden Dienst. Mehr ist für viele Kliniken nicht drin – aber auch für viele Geburtshelferinnen nicht.

Viele kleinere Kliniken können sich wegen der Personalkosten und hoher Haftpflichtbeiträge oft gar keine oder nicht genügend angestellte Hebammen leisten. Immer mehr Häuser arbeiten schon ausschließlich mit freiberuflichen Kräften zusammen – oder schließen ihre Abteilungen ganz. Auch die großen Kliniken "arbeiteten bereits an der Belastungsgrenze", ergab eine Umfrage des Bayerischen Landesverbandes der Hebammen unter den Krankenhäusern. Sie könnten weitere Schließungen von Kreißsälen anderer Krankenhäusern schon jetzt "nicht mehr kompensieren". Der Hebammenmangel sei "schon deutlich spürbar".

Freiberuflerinnen können sich den Beruf kaum noch leisten

Dennoch gibt es auch Krankenhäuser, die gern Hebammen einstellen würden – laut DHV-Erhebung immerhin jede fünfte Klinik. Im Schnitt fehlen ihnen 1,6 Vollzeitkräfte – aber sie finden keine Bewerberinnen für die offenen Stellen. Das mutet merkwürdig an angesichts der Tatsache, dass es laut Statistiken rund 21.000 Hebammen hierzulande gibt und nur 9.000 Festangestellte, so sagen es auch Zahlen der OECD. Es müssten also rein theoretisch mehr als 10.000 weitere Geburtshelferinnen zur Verfügung stehen.

Doch die meisten Hebammen wollen gar nicht fest angestellt in Krankenhäusern arbeiten, weil sich herumgesprochen hat, dass die Mitarbeiterinnen dort überlastet sind und jede zweite regelmäßig drei oder vier Geburten gleichzeitig betreut. Die Verbände halten das für unzumutbar: In Großbritannien oder Norwegen sei eine Eins-zu-eins-Betreuung gewährleistet, sagen sie. Dreiviertel der Hebammen, die dauernd mehrere Geburten gleichzeitig betreuen, wollen ihren Arbeitgeber verlassen. Und jede dritte sagt, sie würde ihre Stelle nicht einmal einer Bewerberin empfehlen, die händeringend einen Job sucht.

Zahl der Freiberuflerinnen sinkt

Die Freiberuflerinnen hingegen können sich ihren eigenen Beruf kaum noch leisten. Für sie stiegen zuletzt die obligatorischen Haftpflicht-Versicherungsprämien stark an, weil auch die geleisteten Schadensersatzzahlungen der Versicherer seit Jahren wachsen. Nicht etwa, weil die Arbeit der Hebammen schlechter geworden wäre. Sondern weil Eltern häufiger Schadensersatz bei Geburtsschäden fordern und weil der medizinische Fortschritt die Kosten für Pflege und Betreuung in die Höhe treibt. Zahlte eine Freiberuflerin vor gut zehn Jahren noch 1.350 Euro für ihre Haftpflichtpolice, so sind es inzwischen über 6.200 Euro. Das bringen viele nicht mehr auf. Neuerdings sollen sie zwar einen öffentlichen Zuschuss zur Haftpflichtversicherung bekommen in Höhe von 4.000 bis 5.000 Euro, aber den können viele gar nicht beantragen, weil es viele Auflagen gibt, etwa für Hausgeburten, und eine Mindestmenge an Geburten pro Jahr dafür vorgeschrieben ist.

So hat sich die Zahl der angemeldeten Freiberuflerinnen, die noch Geburtshilfe leisten, allein seit 2014 um ein Drittel reduziert, sagen die Zahlen des DHV, von 3.500 auf gut 2.400 Geburtshelferinnen. Und nur 1.830 selbstständige Hebammen arbeiten laut Statistischem Bundesamt noch als gut ausgelastete Beleghebammen in Krankenhäusern, das sind rund 300 Kräfte weniger als vor zehn Jahren. Die übrigen Freiberuflerinnen betreuen nur noch wenige Schwangere pro Jahr in Geburtshäusern oder bei Hausgeburten. 

Das Gros dagegen hat sich größtenteils ganz aus der Geburtshilfe zurückgezogen und bietet nur noch Geburtsvorbereitungskurse oder die Wochenbettbetreuung an. Wenn es so weitergehe, so überspitzt es der Berufsverband der freiberuflichen Hebammen, würden zwar Jahr für Jahr noch mehr Kinder geboren. Aber der Beruf der Geburtshelferin sterbe bald aus.