Für Myles Shaw bedeutet der Brexit neue Möglichkeiten. Der 31-jährige Onlinehändler für Teppichläufer stimmte vor neun Monaten für Bleiben, er wollte nicht, dass Großbritannien die EU verlässt. Doch jetzt zurückschauen, sei sinnlos, sagt er.
Heute birst Shaw vor Zuversicht. Er glaubt an die Stärke Großbritanniens und daran, dass eine neue Tür aufgeht, wenn sich die Tür zur EU schließt. Er ist ein Geschäftsmann, wie Theresa May ihn sich besser nicht träumen könnte.

Sein Unternehmen befindet sich in Grimsby in Nordost Lincolnshire, einer der trostlosesten Städte des Landes. Shaw wirkt jung. Er wartet neben einem weißen Mercedes CLA vor dem Bahnhof in Grimsby, die dunklen Haare über dem schmalen Gesicht zurückgegelt. Shaw trägt ein schwarzes Poloshirt mit dem Firmenlogo, helle Baumwollhose, weiße Converse-Turnschuhe. Er kommt mir entgegen, verbindlich und zurückhaltend zugleich. Ein geschickter Verkäufer, alle Antennen ausgefahren, um sein Gegenüber richtig einzuschätzen, aber nicht aufdringlich.

Er spricht mit dem breiten, leicht singenden Akzent von Nordost Lincolnshire. Während der kurzen Fahrt zu seinem Lagerhaus überprüfe ich, wie ich hoffe unauffällig, dass ich ihn nicht verwechsele. "Sie sind der Geschäftsführer von Carpet Runners UK, nicht wahr?" frage ich und hoffe, dass er ist nicht dessen Sohn ist. Der Mann mit dem jugendlichen Gesicht neben mir bestätigt: Gründer und Geschäftsführer.

In dem langen Gespräch, das an diesem Nachmittag folgt, erzählt Shaw seine Geschichte – eigentlich vier Geschichten. Zuerst die Geschichte eines ehrgeizigen Jungen in einer vergessenen Kleinstadt. Grimsby sei ein Ort der Chancenlosigkeit, sagt er: "Wenn Sie hier aufwachsen, sind Sie von Armut umgeben und Sie sind überzeugt, dass das ganze Land arm ist." Die zweite Geschichte handelt davon, wie er dank dem Internet die Grenzen Grimsbys hinter sich ließ und zum international operierenden Unternehmer wurde. Die dritte erzählt von Flucht und Immigration. Und die vierte schließlich, die ohne die ersten drei undenkbar ist, Shaws Brexit-Geschichte.

Sein Teppichwarenhaus liegt in einer langen, fast toten Einkaufsstraße, in der Freeman Street. Neben den kleinen Lebensmittel- und Gemischtwarenläden haben rund ein Dutzend aufgegebene Geschäfte ihre rostenden Rollläden herabgelassen. Vor einem ehemaligen Haushaltswarenhandel, aus dessen Fassade jetzt Unkraut wächst, steht ein Grüppchen Männer und Frauen, Bierdosen in der Hand.

In dieser Straße hat Shaws Vater ein Leben lang sein Teppichgeschäft gehabt, das Grimsby Carpet Warehouse. Ein Familienunternehmen mit Tradition: Shaws Großonkel gründete es nach dem Zweiten Weltkrieg, der Vater übernahm in den siebziger Jahren. "Ich bin in eine Geschäftsfamilie hineingeboren", sagt Shaw. Er sei ein typisches Kind der Arbeiterklasse: "Ich habe meinen Vater nie gesehen, er hat immer gearbeitet." Es war Arbeit von der Hand in den Mund. Shaws Vater verkaufte Teppichböden und Fußbodenbeläge in Grimsby und nächster Umgebung. Das reichte, um die Familie, Eltern und sechs Söhne zu ernähren. Zu mehr nicht. "In London verdienen Leute mit jedem normalen Beruf mehr als mein Vater mit seinem Geschäft", sagt Shaw. "Er hat gearbeitet, um Frau und Kinder durchzubringen. Gewinne waren nicht drin."

Der Überflieger

Shaw träumte von mehr. Als seine älteren Brüder ohne Berufsausbildung im Geschäft des Vaters anfingen, wusste er, dass er so nicht enden wollte. Der Weltraum habe ihn immer fasziniert. Eine Berufsberaterin riet ihm, nach der mittleren Reife Physik, Chemie und Mathematik als Abiturfächer zu wählen. Niemand in Shaws Familie hatte Abitur. Neben der Schule arbeitete er bei der Supermarktkette Sainsbury's. Von neun Uhr morgens bis drei Uhr nachmittags ging er zur Schule, von fünf bis zehn Uhr abends saß er an der Kasse.

Die Arbeit gefiel ihm, vor allem das Geld, von dem er sich seine eigenen Klamotten kaufen konnte. Abitur und Universität erschienen dagegen zu risikoreich: Freunde kamen von der Uni und fanden keinen Job. Shaw brach das Abitur ab. Bei Sainsbury's stieg er auf, bekam schnell mehr Verantwortung. Er lernte, mit Kunden umzugehen, arbeitete Nachtschichten, und war kaum 18, halb so alt wie die meisten seiner Kollegen.
Dann hatte er eine Auseinandersetzung mit seinem Chef und begriff, dass er bei Sainsbury's nichts als eine Nummer war. Er kündigte und fing doch beim Vater an: lieber ein großer Fisch im kleinen Teich als ein kleiner im großen. "Ich ging in den Verkauf und ab der ersten Woche verkaufte ich mehr als mein Bruder. Pro Woche brachte ich 6.000, 7.000 Pfund ein. Es war irrwitzig." Nach einem halben Jahr machte ihn der Vater zum Chefverkäufer eines neuen Ladens.

Der Internethändler

Damit beginnt Shaws zweite Geschichte. Er ist der Überflieger seiner Familie. Sein Vater und seine Brüder mögen ein Auskommen anstreben, er hat Visionen. Er verkauft dreimal soviel und versucht, seinen Vater von modernem Kundenservice zu überzeugen. Der will von dem Schnickschnack nichts wissen. Dann wird Shaw, er hat inzwischen geheiratet, zum ersten Mal selber Vater. Seine Frau geht in den Mutterschutz und der jungen Familie fehlen 100 Pfund pro Woche. Shaws Vater kann oder will sich die Gehaltserhöhung für den Sohn nicht leisten.