Henk Noback hat neue Kunden gewonnen. Auf fünf Millionen Schwedische Kronen, umgerechnet gut eine halbe Million Euro, schätzt der Chef des schwedischen Waldmesserherstellers Morakniv das Umsatzplus, das sein Unternehmen 2016 im Iran, Irak, in Saudi Arabien, Ägypten und der Türkei gemacht hat. "Und in Zukunft wird es noch viel mehr sein," ist er sicher. "Dank Bashar. Er versteht die Märkte dort viel besser als wir."

Bashar Mustafa ist Iraker und kam als Flüchtling in die Kleinstadt Mora rund 350 Kilometer nördlich von Stockholm. Er und Noback lernten sich im November 2015 kennen, nach einem Eishockeyspiel, zu dessen Besuch der Morakniv-Chef die Bewohner einer Flüchtlingsunterkunft einlud. "Das war super," erinnert sich der Unternehmenschef. "Wir haben zusammen gegessen, der Trainer kam und erklärte die Regeln, und während des Spiels machten die Gäste richtig Stimmung." Im Anschluss kam er mit einigen ins Gespräch. Sie interessierten sich für ein sechsmonatiges Praktikum bei Morakniv. Unbezahlt, das erlaubt das schwedische Gesetz Asylbewerbern.

Bashar Mustafa war einer von ihnen und fing in der Exportabteilung an. Bis dahin hatte Morakniv ein- oder zweimal im Jahr ein paar Messer nach Dubai und in den Iran verkauft. Nicht mehr. Der junge Mann fing an, die englischen Kataloge zu übersetzen, telefonierte mit potenziellen Kunden und schlug vor, die Klingen der Messer ihren Bedürfnissen entsprechend ein wenig abzuändern. Inzwischen hat er eine Arbeitserlaubnis und ist bei Morakniv Exportmanager für arabische Länder. "Was Bashar für uns geleistet hat, hätten wir ohne seine Hilfe nie vermocht," sagt Noback. "Dazu denken und handeln wir hier oft viel zu schwedisch. Es brauchte einen Anstoß von außen, jemanden, der die Dinge aus einer anderen Perspektive betrachtet, und schon taten sich ganz neue Möglichkeiten auf."

Die Erfahrung von Morakniv teilen gerade eine ganze Reihe schwedischer Unternehmen. Zigtausend Flüchtlinge kamen in den vergangenen Jahren ins Land – die bleiben dürfen, sollen möglichst schnell in den Arbeitsmarkt integriert werden. Vielen fehlt es zwar an der nötigen Ausbildung, aber 2016 schafften immerhin mehr als 20.000 den Einstieg.

Schwedens starke Wirtschaft kann die neuen Arbeitskräfte gut gebrauchen. In manchen Branchen fehlen sogar Bewerber. Vor allem aber ahnen viele der knapp zehn Millionen Schweden, dass sie beschränkt auf die bisher als gut und richtig empfundenen Denkweisen und Handlungsschemata auf Dauer in einer globalisierten Welt nicht werden mithalten können. Deshalb sind Mångfald, das schwedische Wort für Vielfalt, und Inkludering für Integration in aller Munde.

Aufstieg in wenigen Jahren

Dabei geht es nicht nur um die Integration von Flüchtlingen. Diversität umfasst mehr: Schwedische Firmen achten darauf, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen; altgediente Konzernmanager suchen sich deutlich jüngere Mentoren aus der Start-up-Welt; und erfahrene Führungskräfte nehmen an Diversitäts-Seminaren teil. Ist das die neue Offenheit in Schweden?

"Hier kommt es wirklich nicht darauf an, woher man stammt," sagt Fikrat Mammedov, ein 43-jähriger Aserbaidschaner. Der stämmige Mann steht auf 58 Metern Höhe über Stockholm, im obersten Stockwerk der Zentrale eines Mobilfunkkonzerns, für dessen Sauberkeit er als Manager der Reinigungsfirma Coor verantwortlich ist.

Sicher, räumt er ein, als er 2007 aus Baku nach Stockholm kam, habe er weit unter seiner Qualifikation angefangen. Der Chemieingenieur verteilte die Post in einem Krankenhaus. Aber als seine damalige Chefin zu Coor wechselte, einer Holding für Gebäudemanagement, Reinigungsdienste, Catering und Kantinenbetrieb, nahm sie ihn mit. In wenigen Jahren arbeitete er sich zum Regionalmanager für Stockholm hoch und schließlich zum Vize für das ganze Land.