Für die Serie Heimatreporter besuchen Redakteure von ZEIT und ZEIT ONLINE die Orte, in denen sie aufgewachsen sind. Die Serie ist Teil unseres neuen Ressorts #D17.

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Einerseits ist Nierstein, zwanzig Kilometer vor Mainz, so ein kleiner Traumort. Der Rhein schlängelt sich die Promenade entlang, zur Weinlese im Herbst rollen Traktoren durch die Straßen, die Luft riecht dann nach Maische. In seiner niedlichen Innenstadt kann man alles im Diminutiv beschreiben. Da sind Lädchen, Gärtchen, Gässchen, Häuschen. Es gibt auch ein paläontologisches Museum und einen kleinen Bahnhof, an dem alle halbe Stunde eine Regionalbahn mit einer fünfstelligen Nummer hält. Die Züge fahren nach Mainz und Mannheim, in die Städte.

Andererseits nennt sich Nierstein mit seinen mittlerweile 9.000 Einwohnern seit einigen Jahren selbst wieder Stadt. Und von Jahr zu Jahr wird diese Idylle belebter. Viele junge Familien ziehen hierher, weil ihnen die Grundstückspreise im Rhein-Main-Gebiet zu teuer sind. In den Neubaugebieten, die sich Ring für Ring um die Stadt legen, wird aus Träumen großzügige Wirklichkeit, entstehen Jahr für Jahr neue Häuser mit gläsernen Terrassentüren und gepflegtem Rasen davor.

Nierstein in Rheinland-Pfalz

Die Autos in den Einfahrten und Carports sind neu, die meisten auch poliert, man sieht Kennzeichen F, Kennzeichen WI. Doch wer eine frische Vollmilch braucht oder ein Duschgel, der muss sich ins Auto setzen. Denn das alles gibt es nicht mehr in der Innenstadt.

"Riesling City" nennt sich Nierstein in Rheinland-Pfalz auf seiner Website. Und in diesem selbst gewählten Beinamen steckt eigentlich auch schon das ganze Dilemma. Nierstein will weiter wachsen, weil die jungen Familien Steuern bringen. Nur: Was soll bleiben vom Dorf, das Nierstein einmal war? Und was braucht die Stadt Nierstein?

Früher, als es noch nicht um jeden Quadratmeter Wohnfläche ging, lebten in den Häuschen des Ortskerns die Fischer und Schiffer. Damals, als man noch zu Fuß zum Supermarkt ging, gab es Milch und Waschmittel und Duschgel in Supermärkten und Drogerieläden im Ortskern. Plus war da und Netto, es gab eine Schlecker-Filiale und einen Optiker, einen Unterwäscheladen und eine Reinigung.

Auch das Geschäft von Frithjof Trapp liegt im alten Ortskern von Nierstein, an einer Durchgangsstraße, so sagt man hier, obwohl zwei Autos nicht gleichzeitig durchpassen. Trapp, Jahrgang 1959, führt das Kaufhaus Trapp, "Ihr Einkaufszentrum in Nierstein", das gefühlt schon immer da ist, seit 1983, um genau zu sein. Ein Laden, in dem man Schrauben noch einzeln kaufen kann, Handwerkerzeugs, Einrichtungszeug, Spielzeug. Bücher, sagt Trapp, seien inzwischen der umsatzstärkste Bereich.

Frithjof Trapp betreibt einen Haushaltswarenladen im alten Ortskern von Nierstein © Ben Kilb für ZEIT ONLINE

Fünf Mitarbeiter beschäftigt er, ein Großteil der Kunden sind Stammkunden. Man kann mit dem Auto zu Frithjof Trapp, dann muss man Glück haben, dass einer der Parkplätze auf dem Hinterhof frei ist. Vielen ist das zu umständlich, zu viel Risiko auch vielleicht, dann lieber gleich zu einem richtigen Baumarkt mit großem Parkplatz, dann lieber direkt nach Mainz.

Wie an allen Werktagen steht Frithjof Trapp in seinem Laden, die Hände sehen nach Arbeit aus, sein Gesicht auch. Er klingt müde, wenn er vom Geschäft erzählt. Abgekämpft. "In den vergangenen 30 Jahren haben mehr als 30 Geschäfte zugemacht", sagt er. Der Optiker, der Unterwäscheladen, die Reinigung, alle weg. Es gab mal einen Verein für Gewerbetreibende mit mehr als 40 Mitgliedern, der hat sich inzwischen aufgelöst. Die Metzger- und Bäckereien, die es noch gibt, können das nicht auffangen.