ZEIT ONLINE: Herr Bach, eine aktuelle OECD-Studie kommt zu dem Ergebnis: In Deutschland zahlen die Arbeitnehmer so viele Steuern und Sozialabgaben wie fast nirgendwo sonst. Schröpft der Staat hierzulande seine Bürger wirklich unverhältnismäßig stark?

Stefan Bach: Die Studie betrachtet Einzelfälle, typische Arbeitnehmer, die sind zwar durchaus repräsentativ, aber das deutsche Steuer- und Abgabensystem ist bekanntermaßen kompliziert, entsprechend vielfältig sind die Belastungen. Klar, alleinstehende Arbeitnehmer mit mittlerem oder höherem Einkommen und ohne Kinder werden bei uns kräftig zur Finanzkasse gebeten. Bei Ehepaaren und Familien sieht das aber schon deutlich anders aus, durch Ehegattensplitting und Familienmitversicherung.

ZEIT ONLINE: Es gibt doch in Deutschland viele Möglichkeiten, auch Steuern zu sparen?

Bach: Tatsächlich werden in der OECD-Studie eine Reihe von Abzugsmöglichkeiten vernachlässigt. Zum Beispiel Pendlerpauschale und doppelte Haushaltsführung, wenn man weit weg vom Arbeitsplatz wohnt, das gibt es in einer ganzen Reihe von Ländern gar nicht. Oder die Absetzbarkeit von Vorsorgeaufwendungen, Spenden und Mitgliedsbeiträgen, Kirchensteuer, Unterhaltszahlungen, Schulgeld, haushaltsnahe Dienstleistungen oder "außergewöhnlichen Belastungen", da sind wir in Deutschland zumeist recht großzügig.

ZEIT ONLINE: Die OECD betrachtet nur Arbeitnehmer und deren Lohneinkommen. Wie ist es bei Selbständigen und Kapitaleinkommen?

Bach: Bei Gewinn- und Vermögenseinkommen von Privathaushalten ist Deutschland eher ein Niedrigsteuerland. Das Finanzamt hat nur wenig Personal und ist schlecht organisiert, schaut daher nicht so genau hin. Bei Vermietungseinkommen gibt es immer noch große Besteuerungslücken, Stichwort steuerfreie Veräußerungsgewinne. Und die Superreichen mit riesigen Kapitaleinkommen im Millionenbereich sind gar nicht mehr in der progressiven Einkommensteuer drin, das nennt man vornehm "duale Einkommensteuer".

ZEIT ONLINE: Deutschland schneidet im OECD-Ranking sogar deutlich schlechter ab als alle skandinavischen Länder, obwohl die doch traditionell hohe Steuern verlangen. Wie kann das sein?

Bach: Dänemark, Schweden und Norwegen erheben exzessive Verbrauchsteuern: 25 Prozent Mehrwertsteuer, hohe "Sündensteuern" auf Alkohol und Tabak, spürbare Ökosteuern und in Dänemark gibt es sogar eine Luxussteuer auf alle Autos von sage und schreibe über 100 Prozent. Auch die Grundsteuern sind höher. Die OECD-Statistik berücksichtigt diese Steuern aber gar nicht. Sie betrachtet nur die Einkommensteuer und die Sozialbeiträge.

 ZEIT ONLINE: Die Leistungen des Sozialstaats aber sind in etwa vergleichbar. In Deutschland gehen vom Einkommen mehr als 17 Prozent für die Sozialabgaben wie Renten-, Arbeitslosen- und Krankenversicherung ab, sagt die OECD. Ist diese Höhe gerechtfertigt?

Bach: Wir haben in Deutschland noch die klassischen Sozialversicherungen, die über einkommensabhängige Beiträge finanziert werden und entsprechende Leistungen gewähren. Eine Steuer ist eine Zwangsabgabe ohne eine direkte Gegenleistung. Die Rentenversicherungsbeiträge begründen Ansprüche auf eine höhere Rente. Das Gleiche gilt für die Arbeitslosenversicherung. Insoweit sind die Sozialbeiträge bei uns überwiegend Versicherungsbeiträge und keine Steuern. In anderen Ländern, wo es nur eine Grundsicherung gibt, hat man nur niedrige Sozialbeiträge, die Bürger müssen dafür aber teuer privat vorsorgen. Würde man das berücksichtigen, steigt Deutschland in der OECD-Liga vom Relegationsplatz ins Mittelfeld auf.