ZEIT ONLINE: Frau Voigt, sie arbeiten für die Welthungerhilfe im Südsudan, in Juba. Dort hat die Regierung trotz einer Hungersnot die Visumsgebühren für Ausländer auf mehrere Tausend Dollar erhöht, und die Kämpfer der Bürgerkriegsparteien begegnen Helfern zunehmend feindselig. Können Sie unter diesen Umständen überhaupt noch helfen?

Lena Voigt: Das hängt von der Region ab. An unseren Standorten im Nordwesten, etwa im früheren Bundesstaat Northern Bahr el Ghazal, können wir langfristig arbeiten, denn diese Gegend wurde bisher weitgehend vom Bürgerkrieg verschont. Was die Visumsgebühren betrifft, so hat die Regierung die ursprünglich geplanten 10.000 Dollar pro Genehmigung gerade zurückgezogen ...

ZEIT ONLINE: ... auf 5.000 Dollar, wie gemeldet wurde.

Voigt: Die genauen aktuellen Zahlen kenne ich nicht, aber die Summe wird wohl auf jeden Fall deutlich über den bisherigen 100 Dollar liegen. Die Regierung braucht dringend Devisen, und die kommen derzeit auch vor allem durch internationale Organisationen ins Land. Wir können nur hoffen, dass unsere Geldgeber diese Zusatzkosten tragen. Anderenfalls könnten wir hier nicht mehr arbeiten.

Von der Front halten wir uns, wenn möglich, fern.

ZEIT ONLINE: Sind Sie auch in den Kriegsregionen präsent?

Voigt: Wir sind auch im Bundesstaat Unity im Norden Südsudans aktiv, allerdings in relativ stabilen Gegenden. Von der Front halten wir uns, wenn möglich, fern. Nur so können wir das Risiko von körperlicher Gewalt oder Entführung minimieren. Aber auch unsere Mitarbeiter in Unity mussten sich in den vergangenen Jahren wiederholt in die Schutzbunker der UNMISS zurückziehen, im südlichen Unity State mussten wir unsere Standorte bereits mehrmals evakuieren. In diesem Bürgerkrieg sind bisher fast 80 Mitarbeiter von Hilfsorganisationen ums Leben gekommen. Und es gibt Orte, an die sich nur einheimische Helfer wagen – oder gar niemand. Die Welthungerhilfe hat ihre Standorte Morobo und Magwi in Zentral- und Ostäquatoria im vergangenen Juli aufgeben müssen.

ZEIT ONLINE: Warum?

Voigt: Seit Juli gehören Zentral-, Ost- und Westäquatoria zu den besonders hart umkämpften Regionen. Dort kann man nur sehr begrenzt helfen, und wenn, dann vor allem in den Städten. Wir haben dort hauptsächlich in kleinen Dörfern mit Bauern gearbeitet. Im Moment gehen wir aber davon aus, dass so gut wie alle fliehen mussten. 

ZEIT ONLINE: Wie muss man sich Ihre konkrete Arbeit vorstellen?

Voigt: Wir leisten im Moment vor allem Hilfe zum Überleben. Im Südsudan sind 5,5 Millionen Menschen akut durch Hunger bedroht. Das ist fast die Hälfte der Bevölkerung. Die Krise trifft nicht nur die Kriegsgebiete, sondern zum Beispiel auch Northern Bahr el Ghazal, eine relativ abgelegene Region, die schwer zu erreichen ist, deshalb ist dort Nahrung knapp und teuer. Die Transportwege sind nicht sicher, die Wirtschaft steckt schon lange tief in der Krise, die Inflation ist hoch. In vielen Gegenden können sich die Bauern, selbst wenn sie nicht in umkämpften Regionen leben, nicht einmal mehr Hirse leisten – ein Grundnahrungsmittel. In den Kampfgebieten hat die Zivilbevölkerung sich in den Busch oder in die Sümpfe geflüchtet und ist vollends von Nothilfe abhängig.

Die meisten Organisationen fliegen kurz in die Notregionen ein, um Hilfsgüter zu verteilen und verlassen sie dann aus Sicherheitsgründen sofort wieder.

ZEIT ONLINE: Wie sieht die Hilfe in der Praxis aus?

Voigt: Die meisten Organisationen fliegen kurz in die Notregionen ein, um Hilfsgüter zu verteilen und verlassen sie dann aus Sicherheitsgründen sofort wieder. Aber auch in den relativ sicheren Gegenden steht mittlerweile die Nahrungsmittelverteilung im Vordergrund, denn die Zahl der Binnenvertriebenen steigt und auch die lokale Bevölkerung leidet unter der aktuellen Krise. Sie alle können oft nur mit Nothilfe überleben.

Natürlich ist das nicht nachhaltig. Deshalb versuchen wir immer, selbst in Unity, auch langfristig zu helfen. Wir verteilen Saatgut, Schaufeln und Gießkannen, wir reparieren Latrinen in den Schulen und setzen Bohrlöcher instand, damit die Menschen sauberes Trinkwasser bekommen. Wir organisieren die Kleinbauern in Gruppen, schulen sie, wir haken nach. Viele unsere Mitarbeiter sind Landwirtschaftsexperten und, wo immer das möglich ist, dauerhaft präsent.

ZEIT ONLINE: Im Grunde genommen ist der Südsudan ein fruchtbares Land ...