Lange war die Stimmung am Bau nicht mehr so gut, ja geradezu euphorisch. Denn die Branche hat derzeit allen Grund, zu feiern: Ihre Auftragslage ist prächtig, die Umsätze so hoch wie seit 20 Jahren nicht mehr und die Zahl der Baugenehmigungen steigt Jahr für Jahr weiter. Sie ist inzwischen auf dem höchsten Stand seit 1999 angekommen. Für 2017 rechnet fast jedes zweite Branchenunternehmen laut Umfragen wieder mit wachsenden Erträgen. Kein Wunder, dass die Konjunkturbeobachter vom ifo-Institut feststellen: Seit 25 Jahren war der deutsche Bau nicht mehr in so guter Verfassung. Dabei ist die Lage durchaus ernst, vor allem im Wohnungsbau spitzt sie sich zu.

Denn die Riesenrekorde oder den großen Bauboom erlebt die Branche derzeit noch lange nicht. Im Gegenteil, sie hat sich gerade erst aus der tiefen Grube erholt, in die sie ab Mitte der neunziger Jahre stürzte. Nach der Wiedervereinigung wuchsen ihre Umsätze in den Himmel, ebenso wie viele neue Wohnhäuser. Doch ab 1995 brach die Branche jäh ein. Gerade in aussterbenden Städten wurde zu viel gebaut und sie hatte gigantische Überkapazitäten angehäuft.

Bis 2005 dauerte ihre Rezession. Wenig später beendete die Finanzkrise den wieder auflebenden Neubau. Erst seit 2010 geht es nun wirklich wieder aufwärts – einerseits wegen der Finanzkrise. Andererseits, weil die Bevölkerung erstmals wieder wächst und das Land dringend neue Wohnungen braucht.

Was die Finanzkrise schaffte: Sie drückte die Zinsen der Zentralbanken auf ein Mininiveau. Seitdem sind die Kredite für Hausbauer- und -Käufer so billig wie noch nie. Das treibt nun einige Bundesbürger ins ersehnte Wohneigentum, von dem immerhin 80 Prozent aller Deutschen laut Umfragen träumen, während nur rund 40 Prozent es wirklich besitzen. 

Noch gefragter sind Häuser und Eigentumswohnungen derzeit bei Kapitalanlegern. Seit sichere Anlagen keine Zinsen mehr abwerfen, sind Immobilien zu einer der gefragtesten Vermögensklassen aufgestiegen. Das treibt ebenfalls den Neubau, weil Investoren und Bauträger am Anlagetrend Immobilien mitverdienen wollen.

Es fehlen 1,5 Millionen Wohnungen in Deutschland

Aber boomt der Bau wirklich? Es klingt enorm, dass die Zahl der Baugenehmigungen zuletzt auf 375.000 stieg und sich mehr als verdoppelt hat seit 2008. Zur Hochphase des letzten Booms allerdings, im Jahr 1994, war sie fast doppelt so hoch und lag bei 713.000 Wohnungen. Gemessen daran hat der deutsche Bau gerade einmal knapp "40 Prozent seines ehemaligen Volumens" erreicht, stellt der Verband der deutschen Bauindustrie fest. Wer nun entgegnet, damals seien ja auch gefährliche Überkapazitäten geschaffen worden, der sollte wissen: 2016 wurden lediglich 247.000 Wohnungen gebaut – weit weniger, als dringend gebraucht würden nach den Jahren des Stillstands.

Tatsächlich bräuchte die Republik knapp 400.000 neue Wohnungen jährlich, beziffern Immobilienökonomen des deutschen Instituts für Wirtschaft (IW). Demnach werden trotz Baubooms noch immer rund 150.000 Wohnungen zu wenig errichtet. Insgesamt fehlen rund 1,5 Millionen Wohnungen in diesem Land. Stefan Thurn, der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB), fand deshalb auf der Fachmesse Bau klare Worte: "Es hätte wesentlich mehr passieren müssen. Die Bilanz des vergangenen Jahres ist – gemessen am Bedarf – immer noch miserabel."

Es gebe eine massive Unterversorgung mit Wohnraum, bestätigt die Studie von IW-Ökonom Michael Voigtländer: "Insgesamt wurde in vielen Städten deutlich zu wenig gebaut. Dies gilt insbesondere für Berlin, Stuttgart und München, wo nur rund 40 Prozent des Bedarfs gebaut wurde." Nun sind die Baulücken in den Großstädten zwar am eklatantesten, doch auch in der gesamte Republik herrscht Mangel: "Über alle Standorte hinweg wurden aber lediglich 49 Prozent des gesamten Wohnungsbedarfs durch neu geschaffenes Angebot gedeckt." Warum also wird trotz der immensen Nachfrage zu wenig gebaut?

Es sind vor allem zwei Gründe: Erstens fehlen zunehmend die Fachkräfte am Bau, das beklagt die Bauindustrie selbst. Nachdem die Branche jahrzehntelang das wirtschaftliche Sorgenkind Nummer eins war, zog das nicht gerade Arbeitskräfte an. Zuletzt vervielfältigten sich zwar die Auftragszahlen, aber die Zahl der Beschäftigten im Bauhauptgewerbe stieg nur von 245.000 auf 259.000. Die Unternehmensberatung Roland Berger warnt zudem vor erheblichen "Nachwuchssorgen". Heute kommen nur neun Auszubildende auf je 100 Bau-Facharbeiter, 1994 waren es noch 14.

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