Londons Bürgermeister Sadiq Khan kämpft, denn plötzlich sind gute Kontakte nach Europa so wichtig wie nie zuvor. Im März reiste er nach Brüssel, Paris, Berlin, Madrid und Warschau, um für seine Stadt zu werben: Sie bleibe "open for business": "Unternehmen, Investitionen, Talent und Ideen sind bei uns willkommen." London werde weiterhin die Stadt der Welt sein, in der man am besten Geschäfte machen könne, sagt Khan. Es ist ein gewagtes Versprechen, denn die Stadt wird am Brexit schwer zu schlucken haben, auch wenn hier nur 27,9 Prozent der Wahlberechtigten dafür gestimmt haben.

Bisher hatte London gegenüber Konkurrenzplätzen klare Vorteile: Keine westliche Demokratie bündelt ihre Kräfte so stark in einer Metropole wie Großbritannien. In keinem anderen westlichen Land haben Regierung, Ministerien, die Notenbank und die Finanzwelt so erfolgreich Hand in Hand gearbeitet, um ihre Hauptstadt als wirtschaftliches Zentrum weit über die nationalen Grenzen hinaus zu positionieren. Mit dem Brexit und der hart konservativen Regierung von Theresa May hat sich vieles geändert: Die Finanzwelt spürt, dass sich die Regierung nicht mehr für ihre bisherigen Sondervorteile einsetzt. Der Einfluss der Briten in Brüssel und in den EU-Mitgliedstaaten schwindet schon jetzt. Die Position der Stadt als Tor zum europäischen Binnenmarkt steht zur Disposition.

Noch ist die Reaktion darauf verhalten, London hält den Atem an, könnte man sagen. Am besten ist das auf dem Immobilienmarkt zu beobachten: Die Käufer warten ab, die Verkäufer ebenso. Im Zentrum der Stadt haben in den vergangenen zwölf Monaten 44 Prozent weniger Privatimmobilien den Besitzer gewechselt als im Jahr davor, obwohl damals bevorstehende Steueränderungen den Markt sogar noch angetrieben hatten – die Zahlen hat die Maklergesellschaft JLL erhoben. Die Mieten in der Innenstadt sind derweil in den vergangenen zwei Jahren um 10,7 Prozent gesunken. In den Außenbereichen Londons bewegt sich der Markt kaum.

"Hier konnte jeder frei leben, egal woher er kam"

Dabei wandelt sich die Struktur der Stadtbevölkerung seit den neunziger Jahren permanent: Jedes Jahr verlassen netto etwa 50.000 Londoner die Metropole und ziehen in andere Regionen Großbritanniens, gleichzeitig zieht die Stadt jährlich etwa 50.000 Menschen aus dem Ausland an. London wird damit jedes Jahr internationaler – ein Wandel, der vielen Engländern zu weit geht. Die englische, weiße Arbeiterklasse verlässt die Stadt, verkauft ihre Häuser, weil sie sich das Leben hier nicht mehr leisten kann. Sie weicht einer Berufsschicht von Zuwanderern aus Indien, Pakistan, Bangladesch, Jamaika, Nigeria und Polen, die in die Randgebiete der Stadt zieht und mittlerweile die Jobs im Einzelhandel, im Gesundheitswesen, in den Behörden, an Tankstellen und in Supermärkten füllt.

Mina Tezcan, eine Deutschtürkin, die in London bei KPMG arbeitet, ist vor Jahren nach London gezogen. In der internationalen Stadt, diesem Schmelztiegel Europas, fand sie eine neue Heimat: "Hier konnte jeder frei leben, egal woher er kam. Und jetzt plötzlich werden all die Fragen, denen ich entgehen wollte, wieder gestellt: Woher man kommt, wer man ist, was man hier will."  Jetzt muss sie – wie viele Europäer – erkennen, dass die EU für die Briten nicht als Friedensprojekt, als kulturelles Projekt, als Teil ihrer Identität gesehen wird, sondern als rein wirtschaftliches Projekt. Auch unter ihren EU-Kollegen ist die Verunsicherung plötzlich groß.

"Alles ist jetzt Englisch. Haut ab – packt euch"

"Ich habe mich hier zu Hause gefühlt", sagt die Italienerin Francesca Filippini Pinto, die das Auktionshaus Christie's in South-Kensington leitet. "Aber plötzlich stand am Morgen nach dem Referendum dieser Betrunkene vor dem Haus und schrie: 'Alles ist jetzt Englisch. Haut ab – packt euch'." Jetzt frage sie sich, ob sie sich in London wirklich "zu Hause" fühlt. Ihre ausländischen Kollegen wissen auch nicht, wie es weitergehen wird. Wird Christie's weiter so leicht ausländische Fachleute anheuern können? Wie wird es nach dem Brexit mit dem internationalen Versand von Kunst sein? Der niedrige Wechselkurs des Pfundes zieht zwar internationale Käufer an. Aber Verkäufer wollen jetzt lieber in New York oder der Schweiz verkaufen. Italienische Freunde überlegten bereits, in die Heimat zurückzukehren. "Man fragt sich, was einen hier hält", sagt Pinto.

Die Unsicherheit über den Brexit schafft zugleich Fakten, noch bevor die Briten und die EU überhaupt angefangen haben zu verhandeln. Einige Banken und Versicherungen verlagern bereits Arbeitsplätze in die EU. Der weltgrößte Versicherungsmarkt Lloyd's of London eröffnet ein Büro in Brüssel, um ab 2019 von dort das EU-Geschäft abwickeln zu können. Die Deutsche Bank kündigte dieser Tage an, dass sie bis zu 4.000 Arbeitsplätze nach Kontinentaleuropa bewegen müsse. Die Finanzbranche könne nicht darauf zählen, nach dem Brexit europäische Kunden weiter von London aus betreuen zu können. Bisher galt dazu eine Sonderregelung, das sogenannte Passporting: Firmen konnten ihre Dienstleistungen in der gesamten EU anbieten, wenn sie einen Sitz in London hatten, sie brauchten keine Geschäftsstellen in den anderen Mitgliedstaaten zu eröffnen.

Brexit - Was bisher geschah Wäre der Brexit eine US-amerikanische TV-Serie, Sie hätten in der ersten Staffel einiges verpasst. Ein Rückblick und Ausblick auf den nächsten Teil des EU-Austritts