Passagierflugzeug - China startet zum Angriff auf Boeing und Airbus Nach mehr als acht Jahren Entwicklungszeit hat Chinas erstes großes Passagierflugzeug seinen Jungfernflug absolviert. China will in der Luftfahrt unabhängiger von ausländischen Herstellern werden. © Foto: Reuters TV

Nach mehr als acht Jahren Entwicklungszeit hat Chinas erstes großes Passagierflugzeug seinen Jungfernflug absolviert. Unter dem Applaus Tausender Schaulustiger hob die Maschine vom Typ C919 am Freitagmorgen vom internationalen Flughafen in Schanghai ab. Der reguläre Flugbetrieb ruhte dort deshalb vorübergehend.

Der staatliche Flugzeugbauer Comac soll der bislang übermächtigen amerikanischen und europäischen Konkurrenz von Boeing und Airbus Marktanteile abnehmen. Für die chinesische Führung ist es ein Prestigeprojekt, das die Abhängigkeit von ausländischen Herstellern verringern soll. Der Mittelstrecken-Jet mit nur einem Gang zwischen den Sitzreihen, bis zu 168 Plätzen und einer ersten Variante 4.075 Kilometern Reichweite zielt auf das absatzstärkste Flugzeugsegment ab, das bisher vom Airbus A320 und der Boeing 737 beherrscht wird.

Das erste Flugzeug der Baureihe war im November 2015 fertiggestellt worden. Luftfahrtexperten rechnen damit, dass noch mindestens zwei bis drei Jahre vergehen werden, bevor die große Maschine alle Tests abgeschlossen hat. Ursprünglich sollte die C919 bereits im vergangenen Jahr auf den Markt kommen, der Erstflug hatte sich aber immer wieder verzögert. Comac-Vize Bao Pengli sagte, das Unternehmen plane zunächst, bis 2019 jährlich zwei Flugzeuge zu bauen, um die nötigen Sicherheitszertifikate zu bekommen. Danach solle die Massenproduktion starten.

An der Entwicklung waren nach Unternehmensangaben mehr als 200 chinesische Firmen und 36 Universitäten beteiligt. Wichtige Komponenten kommen jedoch aus dem Ausland. So werden die Triebwerke von CFM International geliefert, einem Gemeinschaftsunternehmen der Luftfahrtabteilung von General Electric aus den USA und dem französischen Triebwerkshersteller Safran. In drei Jahren sollen erstmals Triebwerke eines chinesischen Herstellers geliefert werden.

Laut Schätzungen könnte China als zweitgrößte Volkswirtschaft bereits bis 2024 die USA als das Land mit dem weltweit höchsten Passagieraufkommen ablösen. 570 Bestellungen von 23 Kunden liegen für die neue Maschine nach Angaben des Flugzeugbauers bereits vor, die meisten von staatlichen chinesischen Fluggesellschaften. Zu den Kunden im Ausland gehören GE Capital Aviation Services und die thailändische City Airways. Comac hat bereits einen Kurzstreckenflieger entwickelt, der seinen ersten Linienflug vor knapp einem Jahr absolvierte: Er konkurriert mit Maschinen des kanadischen Herstellers Bombardier und der Embraer SA aus Brasilien. Und der nächste Schritt ist in Planung: So bald wie möglich wollen die Chinesen zusammen mit Russland mit dem Bau der C929 beginnen. Das Großraumflugzeug soll Platz für 300 Passagiere bieten und bis zu 9.000 Kilometer weit fliegen können.

"Comacs Erfolg ist politisch gewollt"

Chinas Staatsmedien waren zurückhaltend in ihrer Bewertung. In den kommenden Jahrzehnten würden chinesische Flieger zwar sicher zu einer "starken Alternative" werden. Kurzfristig sei es jedoch "unrealistisch", dass die Vorherrschaft von Airbus und Boeing gebrochen wird, schrieb die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua. Comac solle vielmehr wie bisher auf Kooperationen mit den westlichen Herstellern setzen. Schließlich war das auch bisher das Erfolgsrezept. Peking hatte Airbus und Boeing bereits vor Jahren verpflichtet, gemeinsam mit Comac Endmontage-Fabriken zur Auslieferung ihrer Flugzeuge in China zu betreiben. Die westlichen Hersteller können so zwar umso mehr Maschinen verkaufen – geben aber auch viel Wissen an die Chinesen preis, die schnell lernen.

Experten wie Derek Levine gehen trotzdem davon aus, dass Comac der Konkurrenz zur Markteinführung der C919 "um Jahre hinterherhinken" wird. werde seine Maschinen dank massiver staatlicher Hilfe zwar günstig anbieten können. Vor allem ein höherer Kerosinverbrauch würde den Kostenvorteil für Fluglinien aber schnell wieder aufzehren. Unterschätzen will den neuen Spieler in der Branche aber niemand. "Comacs Erfolg ist politisch von Peking gewollt", sagt ein Vertreter eines westlichen Herstellers hinter vorgehaltener Hand. Egal wie gut die Maschinen tatsächlich sind: Am Ende könnten staatliche Airlines auch einfach zum Kauf der Jets verdonnert werden.