Eine ganz bestimmte Sache, die Deutschland seit Jahrzehnten erfolgreich exportiert, kann man weder anfassen noch kaufen. Es handelt sich weder um Volkswagen oder andere Autos und Maschinen. Sondern um die duale Berufsausbildung. Die Kombination aus beruflicher Praxis im Betrieb und theoretischer Ausbildung in der Berufsschule gelte weltweit als Vorbild, sagen deutsche Verbandsvertreter, Arbeitsmarktforscher und Politiker. Und viele Länder wollen von ihr lernen.

In Frankreich zum Beispiel gibt es schon seit über 35 Jahren Austauschprogramme mit deutschen Ausbildungsstätten; mit Italien, Portugal, Lettland und der Slowakei seit dem Jahr 2011. Griechenland setzt gerade ein Pilotprojekt auf; in Indien, China und mehreren lateinamerikanischen Ländern gibt es bereits welche. Selbst in der Automobilindustrie der Vereinigten Staaten werden Berufsbildungszentren nach deutschem Vorbild aufgebaut. Was allen am dualen System besonders imponiert: Es vermittelt einheitliche Standards in der Berufsausbildung. Vor allem aber ist, das belegen Studien, dadurch die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland so niedrig wie nirgends sonst: 6,7 Prozent der unter 25-Jährigen sind hier arbeitslos. Zum Vergleich: In Frankreich sind es mehr als 23 Prozent.  

Überall auf der Welt gilt die duale Ausbildung nach deutschem Muster als Erfolg. Nur in Deutschland nicht mehr.

Hierzulande sinkt die Zahl der Ausbildungsverträge von Jahr zu Jahr. Zuletzt lag sie bei 500.000, das waren 50.000 Verträge weniger als noch 2011. Die Zahl der Ausbildungsbetriebe geht ebenso zurück. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung sank ihre Quote von 23 Prozent im Jahr 2005 auf derzeit 19 Prozent. In ostdeutschen Bundesländern wie Berlin-Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern oder Thüringen liegt sie inzwischen bei schwachen 11 bis 13 Prozent. Das heißt: Nur noch rund jeder zehnte Betrieb dort bildet aus. Vor allem viele kleinere Firmen tun es längst nicht mehr. Und das sei "keine Folge schwacher Konjunktur", betonen die Bertelsmann-Autoren. Mit anderen Worten: Die Betriebe könnten es sich leisten, Azubis anzunehmen, aber sie tun es trotzdem nicht.

Ohne Azubis fehlen Fachkräfte

Innerhalb von nur sieben Jahren hat sich der Anteil der Auszubildenden an den Gesamtbeschäftigten mehr als halbiert. Das ist dramatisch, finden Clemens Wieland und Lars Thies, die Autoren der Bertelsmann-Studie, denn es berge "die Gefahr, dass langfristig weniger Fachkräfte beruflich qualifiziert werden als die Betriebe benötigen". Schon mit den heutigen Ausbildungszahlen werde es knapp: "Um die große Zahl an Fachkräften zu ersetzen, die in den nächsten 15 bis 20 Jahren in den Ruhestand gehen, ist der derzeitige Anteil der Auszubildenden an den Beschäftigten in allen Bundesländern zu gering."

Industrievertreter können das bestätigen. Bereits jetzt klagten Unternehmen bundesweit über Fachkräftemangel, sagt Hubert Schöffmann, bildungspolitischer Sprecher des bayerischen Industrie- und Handelskammertags (BIHK), "und 85 Prozent der Fachkräfte fehlen im Bereich der beruflich Qualifizierten". Das bringe die Unternehmen in Schwierigkeiten. "Wenn ihnen die Fachkräfte fehlen, können ihre Auftragsbücher noch so gut gefüllt sein – sie können die Aufträge dann nicht mehr bedienen."

Die Ursachen für den Mangel lassen sich recht klar benennen: Weil die Zahl der Geburten sinkt, werden die Jahrgänge der Schulabgänger kleiner – und von den wenigen Absolventen streben immer mehr ein Studium statt einer Ausbildung an. Während sich die Zahl der Studierenden seit dem Jahr 2000 um eine Million erhöht hat, ist die Zahl der Azubis um 400.000 geschrumpft. Inzwischen stehen 1,33 Millionen Azubis schon 2,75 Millionen Studenten gegenüber.