Die Zahlen sind gewaltig: 1,1 Milliarden Menschen leben ohne Zugang zu Strom, rund 600 Millionen davon alleine im ländlichen Afrika. Elektrizität auch in diesen Regionen bereitzustellen, hat sich die Sustainable-Energy-for-all-Initiative der Vereinten Nationen auf die Fahnen geschrieben. Denn Strom gilt als wesentliche Voraussetzung für die wirtschaftliche Entwicklung Afrikas – ein Thema, das auch für die Bundesregierung im Jahr ihrer G20-Präsidentschaft und angesichts der vielen afrikanischen Migranten, die eine Perspektive in Europa suchen, Priorität hat.

Die Idee ist einfach: Mit Strom lassen sich Maschinen betreiben, und wer elektrisches Licht hat, kann auch nach Einbruch der Dunkelheit noch lernen und arbeiten. Mittelfristig könnte sich die Wirtschaft dadurch besser entwickeln. 

Doch die Summen, die benötigt würden, um alle afrikanischen Haushalte mit Strom zu versorgen, sind enorm. Mehr als 17 Milliarden Euro jährlich müssten Schätzungen der OECD zufolge dafür bis zum Jahr 2030 investiert werden. Zum Vergleich: Aktuell beträgt die gesamte jährliche Entwicklungshilfe für den ganzen Kontinent rund 39 Milliarden Euro. Lohnt sich eine so massive Investition?

Viel Geld, begrenzter Nutzen

Seit zehn Jahren evaluiert das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Elektrifizierungsprogramme in verschiedenen Ländern Afrikas, darunter Burkina Faso, Senegal, Tansania, Mosambik, Ghana und Ruanda. Das Fazit ist ernüchternd: Die Studien kommen zu dem Schluss, dass sich aus der Stromnetz-Infrastruktur nur begrenzte wirtschaftliche Perspektiven ergeben.

So hat beispielsweise das Electricity Access Rollout Program in Ruanda, eines der weltweit größten seiner Art, zwar seit 2009 die Elektrifizierungsquote im Land deutlich in die Höhe getrieben. Doch in den neu vernetzten Gebieten blieb auch dreieinhalb Jahre nachdem die Stromleitungen verlegt worden waren ein Drittel der Haushalte vom Netz abgekoppelt – die ärmsten Bevölkerungsgruppen konnten sich die einmalige Anschlussgebühr von umgerechnet 60 Euro schlicht nicht leisten. 

Und die, die nun Strom haben, nutzen ihn hauptsächlich für elektrisches Licht und um Radios, Mobiltelefone und andere Kleingeräte zu betreiben. Eine zusätzliche wirtschaftliche Aktivität entfalten sie nicht, anders als erhofft. Die neuen Beleuchtungsmöglichkeiten haben zwar den Tagesablauf der Menschen verändert; zum Beispiel lernen die Kinder länger nach Einbruch der Dunkelheit. Aber dafür sitzen sie tagsüber weniger über ihren Büchern. Insgesamt hat sich ihre Lernzeit nicht verlängert.

Auch Erwachsene gestalten ihre Tage flexibler: Sie sind im Durchschnitt 50 Minuten länger wach als zuvor. Doch die zusätzliche Zeit investieren sie nicht in einkommensgenerierende Aktivitäten, sondern vor allem in Freizeit.

Keine Ausweitung der Produktion

Der wirtschaftliche Nutzen eines Stromanschlusses ist also offenbar begrenzt. Das scheinen auch andere Frühindikatoren zu bestätigen. Die wenigen Unternehmen, die es in den ländlichen Regionen Ruandas gibt, betreiben mit dem neu bereitgestellten Strom fast ausschließlich Lampen und Unterhaltungsgeräte. Neue Maschinen schaffen sie kaum an, selbst mehrere Jahre nach dem Netzausbau. Wozu auch? Ihr Zugang zu überregionalen Märkten ist beschränkt, und ebenso – zumindest derzeit – die Nachfrage nach ihren Produkten. Warum sollten sie also die Produktion ausweiten?

Rund vier Jahre nach dem Anschluss ans Stromnetz lassen sich in den angeschlossenen ländlichen Regionen insgesamt keine Anzeichen für eine sich verändernde Unternehmens- oder Jobstruktur beobachten. Zu ähnlichen Erkenntnissen kommen Studien aus Benin und Tansania, die einen noch längeren Zeitraum betrachten.

Doch kann es wirklich sein, dass Elektrizität so wenig bewirkt? Schließlich wäre die Entwicklung der heute industrialisierten Welt ohne Strom unvorstellbar.