Die Signale sind unübersehbar, an vielen Stellen. In Italien etwa: Da ist die Konjunktur zum Jahresauftakt deutlich stärker gewachsen als gedacht. Genauso in Frankreich: Das Bruttoinlandsprodukt legte kräftiger zu als angenommen. Auch geht es insgesamt in der Eurozone gerade aufwärts: Vor einigen Tagen meldete die EU-Statistikbehörde ein Wirtschaftswachstum für das laufende Jahr von 1,8 Prozent. Erstmals seit Jahren könnten die Euroländer in diesem Jahr die USA deutlich übertreffen.

"Wir erleben gerade das stärkste Wachstum, das es in der Eurozone seit der Weltfinanzkrise gab", sagt Chris Williams, Chefökonom von IHS Markit, einem Londoner Institut für Finanzdaten. Mit jedem Monat mehrten sich die Zeichen, dass sich der Aufschwung auch dauerhaft und robust fortsetzen werde. "Die Entwicklung ist breit aufgestellt über mehrere Länder und Branchen", erklärt Williams. Außerdem sei das globale Wirtschaftsklima gerade sehr günstig. Die Industrie in der Eurozone profitiere davon, dass der Euro gegenüber anderen Währungen schwach sei.

Woran aber liegt es, dass nach Jahren der wirtschaftlichen Stagnation endlich eine neue Dynamik einkehrt? "Ich sehe als Grund an erster Stelle die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank", sagt Carsten-Patrick Meier, Geschäftsführer von Kiel Economics, einem Institut für Wirtschaftsprognosen. Anders als in den USA oder Großbritannien habe die EZB lange gezögert, nach der Finanzkrise ähnlich drastische Mittel wie in anderen Währungsräumen zu ergreifen. Jetzt aber würden die "monetären Impulse" allmählich wirken. "In Deutschland hat man diese Geldpolitik viel kritisiert", sagt Meier, "aber es spricht einiges dafür, dass wir jetzt die Resultate sehen."

Neben der Steuerung durch die Zentralbank aber machen Fachleute noch weitere Faktoren aus, die das Wachstum gerade begünstigen. Die politischen Risiken im gemeinsamen Währungsraum haben stark abgenommen: Hätte der rechtsnationale Front National die Wahl in Frankreich gewonnen, wäre der Euro in Gefahr gewesen. Nun, da diese Unsicherheit beseitigt ist, kommen andere Aspekte zur Geltung: "Es hat sich ein erheblicher Nachholbedarf angestaut bei den Unternehmen", sagt Meier. Die Kosten sowohl für Kapital als auch für Arbeitskräfte seien niedrig. "Die Löhne sind in der Eurozone über die letzten Jahre insgesamt wenig gestiegen, zum Teil sogar gesunken wegen der anhaltenden Arbeitslosigkeit und der Strukturreformen am Arbeitsmarkt." Davon würden die Unternehmen jetzt profitieren.

Auch EZB-Präsident Mario Draghi sieht sich in seinem Vorgehen bestätigt. Kürzlich sagte er, die Erholung der Wirtschaft verlaufe "zunehmend stabil", die Abwärtsrisiken hätten sich "weiter reduziert". Draghi resümierte: "Das Wirtschaftswachstum wird sich weiter verfestigen und ausweiten." Woran aber lässt sich das ablesen? Zum Beispiel an der Lust der Unternehmen, stärker Geld auszugeben und ihre Kapazitäten so zu erweitern. Chefökonom Williams von IHS Markit stellt fest: "Wir sehen ganz klar eine wachsende Risikobereitschaft bei den Unternehmen, mehr Kredite aufzunehmen, um zu investieren." Das werde sich im Laufe des Jahres noch weiter intensivieren.

Angela Merkel - Europa muss sein Schicksal in die eigene Hand nehmen Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Europäer zu stärkerer Eigenständigkeit aufgerufen. Sie reagierte damit auf den Konflikt mit den USA auf dem jüngsten G7-Gipfeltreffen. © Foto: Michaela Rehle/Reuters