Frankreichs neuer Präsident Emmanuel Macron hat die Wahl mit einem eindeutig proeuropäischen Kurs gewonnen. Seine Vorschläge zur Reform der Eurozone gehen vielen aber zu weit. Gerade aus Deutschland erntete Macron viel Kritik. Im Kern schlägt der Franzose zwei Dinge vor: Die Eurozone soll einen eigenen Haushalt bekommen. Mit dem Geld sollen Investitionen finanziert und neuerliche Krisen bekämpft werden. Jedes Euroland würde einzahlen, die reicheren Staaten mehr als die ärmeren. Verantwortlich für das Budget wäre nach Ansicht von Macron ein neu zu etablierender Euro-Finanzminister. 

"Die Starken müssen helfen!", sagte er vor zwei Jahren in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Sind seine Vorschläge wirklich so radikal? Werden so nur neue Schulden gemacht? Welche Kompetenzen sollte ein Eurofinanzminister haben? ZEIT ONLINE hat renommierte Ökonomen in ganz Europa um eine Einschätzung gebeten.

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Thomas Piketty

Professor an der Paris School of Economics und der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris

Die Eurogruppe der Finanzminister hat bereits einen Präsidenten. Wir könnten jetzt entscheiden, seinen Namen zu ändern, und ihn künftig Finanzminister nennen. Aber das wirkliche Problem ist: Welchem Parlament wäre ein solcher Finanzminister Rechenschaft schuldig? Wer stimmt über ein Budget für die Eurozone ab?

Größere Priorität hat es, ein Parlament, eine Versammlung für die Eurozone zu schaffen. Meiner Meinung nach sollte es aus Abgeordneten der nationalen Volksvertretungen bestehen. Sobald wir eine solche Versammlung haben, können wir einen möglichen Finanzminister damit beauftragen, einen Haushalt für die Eurozone zu erarbeiten und beispielsweise einen Vorschlag für gemeinsame Unternehmenssteuern zu machen. Aber die Eurozonen-Versammlung hätte auf jeden Fall das letzte Wort und würde über alle Vorschläge abstimmen. Und nicht die Finanzminister der einzelnen Eurostaaten.

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Clemens Fuest

Präsident des Ifo-Instituts in München

Wir brauchen definitiv keinen europäischen Finanzminister. Eine solche Position würde nur zu großen Enttäuschungen führen. Es entstünde der Eindruck, dass die Verantwortung für die Finanzpolitik in der Eurozone auf europäischer Ebene liegt. Tatsächlich liegt sie aber bei den nationalen Parlamenten. Das ist auch richtig so, weil Finanzpolitik demokratischer Kontrolle bedarf.

Vom europäischen Finanzminister würden manche erwarten, dass er Wohltaten verteilt, andere würden hoffen, dass er unsolide Finanzpolitik verhindert. Am Ende würde er von der nationalen Politik zum Sündenbock für unpopuläre Sanierungsmaßnahmen gemacht, gleichzeitig würde man seine Weisungen ignorieren, so wie heute europäische Verschuldungsregeln ignoriert werden.

Die Politik in Europa sollte sich vielmehr auf eine Härtung der Budgetrestriktionen für Staaten und Banken in der Eurozone konzentrieren. Banken müssen verpflichtet werden, ihre aufgekauften Staatsanleihen mit mehr Eigenkapital zu unterlegen und zu diversifizieren. Zudem sollten bei der Rettung von Banken und Staaten private Gläubiger stärker in die Pflicht genommen werden.

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Jože P. Damijan

Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Ljubljana

In der derzeitigen Situation ist ein europäischer Finanzminister die falsche Antwort. Denn es ist anzunehmen, dass ein solcher Minister die Politik der Vergangenheit fortsetzen würde. Heißt: die Finanzpolitik in der Eurozone über eine harte Konsolidierung der Haushalte zu koordinieren. Nur war das genau der falsche Ansatz in der Krise. Die Austeritätspolitik hat die Eurozone in eine tiefe Rezession gestürzt.

Zwischen 2010 und 2015 hätte die Währungsgemeinschaft vielmehr eine expansive Fiskalpolitik gebraucht, die beispielsweise in die Infrastruktur investiert. So wären die Nachfrage und die Konjunktur gestützt worden.

Und: Für einen europäischen Finanzminister muss die Eurozone zu einer echten Fiskal- und Transferunion werden – ähnlich wie sie in Deutschland oder Österreich bereits existiert. Bis dahin ist es jedoch noch ein langer Weg. Wahrscheinlicher ist eine weitere Desintegration der Eurozone, wie es der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz prophezeit hat.