Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat mit seinem neusten World Economic Outlook für Aufsehen gesorgt. Der Bericht zeigt, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern global einen abnehmenden Anteil an der Wirtschaftsleistung erhalten, Kapitaleigentümer dagegen ein immer größeres Stück vom Kuchen für sich beanspruchen können. Deutschland sticht als eines der Länder hervor, in dem der Anteil, der den Beschäftigten zugutekommt, relativ gering ist. In kaum einem anderen Land ist zudem die Lücke zwischen Arbeits- und Kapitaleinkommen in den vergangenen Jahren 25 Jahren größer geworden. Und diese Lücke könnte in Zukunft weiter wachsen.

Der IWF hat untersucht, welcher Anteil der Wirtschaftsleistung dem Faktor Arbeit und welcher dem Faktor Kapital zugutekommt. Mit Arbeit sind die Einkommen der Beschäftigten inklusive Steuern und Transferzahlungen gemeint, mit Kapital die Eigentümer von Unternehmen und anderen produktiven Vermögenswerten. Der Anteil für Arbeit in den Industrieländern ist demnach von fast 54  Prozent im Jahr 1991 auf 50 Prozent 2014 gesunken. Es gibt jedoch große Unterschiede über Länder hinweg: In 21 der 50 größten Volkswirtschaften der Welt kann Arbeit eine größere Portion der Wirtschaftsleistung für sich beanspruchen als Anfang der neunziger Jahre, in 29 dagegen eine niedrigere. Die größten Volkswirtschaften dominieren diese Entwicklung: Die USA, China und Deutschland haben ein zum Teil deutliches Absinken erfahren (siehe folgende Grafiken).

Dabei ist es nicht unbedingt per se negativ, wenn der Anteil des Faktors Arbeit schrumpft. So ist Chinas Volkswirtschaft, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, in den vergangenen 25 Jahren um mehr als 400 Prozent gewachsen, und dieses Wachstum hat Hunderte von Millionen Chinesen aus der Armut geholfen und ihnen einen deutlichen Anstieg des Einkommens beschert – obwohl der Anteil der Arbeitseinkommen an der enorm gestiegenen Wirtschaftsleistung gleichzeitig gesunken ist.

Für Deutschland ergibt sich jedoch ein anderes Bild. Hier wuchs die Wirtschaft sehr viel schwächer als in China, sodass nicht nur der Anteil der Arbeitnehmereinkommen an der Wirtschaftsleistung gesunken ist, sondern knapp ein Drittel der Haushalte heute gar ein geringeres Einkommen hat als noch vor 25 Jahren.

Diese Entwicklung trifft nicht alle Menschen gleich. Der Anteil der Einkommen der Reichsten ist deutlich gestiegen, für die Mittel- und Unterschicht ist er jedoch umso stärker gesunken. Die IWF-Analyse zeigt, dass diese Polarisierung zwar ein globales Phänomen ist, sie jedoch Länder mit einem hohen Industrieanteil besonders stark betrifft – also vor allem Länder wie Deutschland, dessen Jobs leichter durch Automatisierung ersetzt werden können.

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Die exportstarke Industrie Deutschlands ist keine uneingeschränkte Stärke. Der hohe Industrieanteil bedeutet auch, dass besonders viele Jobs von Automatisierung und Digitalisierung gefährdet sind und dies die Einkommen gerade der Mittelschicht unter Druck setzt. Die große Offenheit der deutschen Volkswirtschaft und die Stärke der Industrie haben also auch eine Kehrseite – nicht unbedingt für die Eigentümer dieser Unternehmen, aber für deren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Deutschland ist aber auch in anderer Hinsicht anders. In den meisten der vom IWF untersuchten Industrieländer haben technologischer Wandel und Globalisierung die Beschäftigung reduziert und die Arbeitslosigkeit erhöht. In Deutschland ist das Gegenteil passiert: Die Arbeitslosigkeit ist gesunken und die Erwerbsquote gestiegen, vor allem unter Frauen und älteren Menschen.

Die Jobs, die in Deutschland durch Technologie und Globalisierung verloren gingen, sind durch mehr neue Jobs ersetzt worden, zumeist innerhalb der gleichen Wirtschaftssektoren, aber schlechter bezahlt. In anderen Worten: Der Anteil der Arbeitseinkommen in Deutschland ist vergleichsweise stark abgesunken, nicht weil Arbeitsplätze verloren gegangen sind, sondern weil in bestehenden oder neu entstandenen Jobs geringere Löhne bezahlt wurden.

Wieso ist Deutschland anders? Auch hierzu hat der IWF drei Antworten parat. Zum einen haben Globalisierung und die hohe Offenheit der deutschen Wirtschaft die Verhandlungsmacht der Beschäftigten hin zu den Unternehmen verschoben. Vor dem Hintergrund einer offenen Wirtschaft können Unternehmen nämlich leichter ihre Aktivitäten verlagern – oder zumindest glaubwürdiger damit drohen. Auch Regulierung und ein Steuersystem, das Kapital und Vermögen im internationalen Vergleich gering besteuert, sind laut IWF ein Teil der Erklärung.