Mehr Personal und Durchsetzungskraft in der Kartellbekämpfung! Das forderte jüngst der Fachanwalt für Kartellrecht Mark-Eduard Orth in seinem Gastbeitrag für ZEIT ONLINE. Kartellabsprachen – in diesem Fall von Eisdielenbesitzern in Tübingen – würden den Verbrauchern schaden, weil das Eis teurer wird. So weit, so gut, so richtig.

Schräg, falsch und schädlich ist es nur, daraus zu schlussfolgern, Wettbewerb sei tatsächlich der "beste Verbraucherschutz" und ein funktionierender Markt zugleich die "beste Sozialpolitik". Dann wirkt das Eisdielenbeispiel so, als würde der Markt alle Probleme zum Wohl aller regeln können, sofern er nur frei wirken darf.

Das hat mit der Realität leider wenig zu tun. In der wirklichen Welt ist Verbraucherschutz wesentlich mehr als angenehme Beigabe eines ordentlichen Kartellschutzes und wesentlich schwieriger zu erreichen. Zudem geht es für viele Menschen um sehr viel mehr als um zu teures Speiseeis: Nicht selten stehen, wenn Verbraucherrechte verletzt werden, Gesundheit, Vermögen und Sicherheit von Menschen auf dem Spiel.

Warum das so ist, verrät auch das Eisdielen-Beispiel. Es stimmt zwar: Werden Preisabsprachen und das Kartell unterbunden, kann der Preis entscheidende Informationen über die Qualität wiedergeben. Die Eisdiele mit den leckersten Kugeln kann höhere Preise durchsetzen als die, die weniger Geschmack und Auswahl produziert. Der Bessere gewinnt. Der Markt wirkt.

Was aber nun, wenn das Eis des "Besseren" nur deswegen leckerer ist, weil er gesundheitsgefährdende Geschmacksverstärker zusetzt? Oder wenn er Mogelkugeln verkauft, die genauso groß aussehen, aber mehr Luft und weniger Masse haben als die der vermeintlich schlechtere Eisdiele? Wenn er überzuckertes Eis als "Soulfood" deklariert und so suggeriert, es sei auch noch gesund und mache schlank und schön? Wenn im Schokoeis gar keine Schokolade ist, sondern nur braunes Irgendwas? Und wenn der Eis-Esser – nennen wir ihn mal Verbraucher – über all das keine Informationen bekommt, also nicht vergleichen und keine fundierte Entscheidung treffen kann und auf seinem Schaden sitzen bleibt?

Nun, mag man denken, Schaden sei ein zu großes Wort, wenn es um Qualitätsmerkmale von Speiseeis geht. Was aber, wenn wir die Liste erweitern und die Eisdiele Mindeststandards an Sauberkeit und Hygiene nicht einhält und der Verbraucher zwischen Erdbeere und Stracciatella auch Salmonellen in der Waffel findet? Wenn er Vorerkrankungen hat, gebrechlich ist oder die Infektion so schwer, dass er in Lebensgefahr gerät? Dann ist das Verbot von Preisabsprachen nicht mehr der beste Verbraucherschutz und der freiwirkende Markt nicht mehr die beste Sozialpolitik.

In der Realität geht es im Verbraucherschutz oft um viel größere Probleme als die Frage, ob jemand 10 oder 20 Cent mehr pro Kugel Eis zahlt. Guter oder schlechter Verbraucherschutz kann über guten Lebensstandard oder Armut entscheiden. Da hilft es nichts, zu verniedlichen.