Mit dem Auto dauert eine Fahrt von Dublin nach Belfast 90 Minuten. Die Grenze ist offen, die Fahrt führt über eine erst im Jahr 2010 eröffnete Autobahn, alles läuft entspannt. Doch mit dem Brexit könnte sich das ändern. Der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union könnte für Irland drastische Konsequenzen haben. Und das hat mit der Grenze zwischen Nordirland und der irischen Republik zu tun. 

Heute ist sie die kaum spürbare Trennlinie zwischen zwei EU-Staaten. Aber sie hat eine spannungsgeladene, blutige Geschichte. Und nach dem Brexit könnte sie, als neue Außen- und einzige Landesgrenze des Vereinigten Königreichs zur EU, Auslöser für neue Konflikte werden.

Früher, zu Zeiten des Nordirlandkonflikts, sicherte die britische Armee die Übergänge. Einen ihrer Checkpoints zu passieren, konnte ewig dauern; auch an der Straße von Dublin nach Belfast, die heute so gut ausgebaut ist.

Dass die Grenze sich öffnete, spielte im nordirischen Friedensprozess eine wichtige Rolle. Die Vorstellung, dass es hier bald wieder Grenzposten und Zollkontrollen geben könnte, erfüllt viele Iren und Nordiren mit Sorge. "Die Öffentlichkeit hier in Irland setzt sich jeden Tag mit dem Brexit auseinander", sagt Mary C. Murphy, Politologin am University College in Cork. Das sei wohl anders als in irgendeinem anderen Teil der EU. Der Brexit habe eine immense Bedeutung für das Land. "Sollte es zu einer Wiedereinführung einer 'harten' Grenze zwischen Großbritannien und der EU kommen, dann würde diese Grenze hier in Irland eine physische Form annehmen. Das hätte zahlreiche wirtschaftliche und politische Folgen."

Seitdem das Karfreitagsabkommen im Jahr 1998 den jahrzehntelangen bewaffneten Konflikt formell beendete, sind die Republik Irland und das britisch verwaltete Nordirland wirtschaftlich eng zusammengewachsen. Heute wird ein Drittel der in Nordirland produzierten Milch in der Republik Irland verarbeitet. Eine gewaltige Menge an Schweinefleisch wandert aus dem Süden in die nordirischen Fabriken. Etwa 23.000 Menschen pendeln jeden Tag über die praktisch unsichtbare Grenze zur Arbeit, und jeden Monat überqueren sie 177.000 Lkw, 208.000 Lieferwagen und 1,85 Millionen Autos.

"Nichts soll den Frieden gefährden"

Seit dem Brexit-Referendum – in dem 55,8 Prozent der Nordiren für den Verbleib in der EU stimmten – ist jedoch völlig offen, was aus diesem Grenzverkehr werden soll. Die Iren hoffen auf eine entschiedene Unterstützung der EU für ihre Interessen. Sie hörten deshalb genau hin, als der Verhandlungschef der Europäischen Union, Michel Barnier, vor einigen Tagen Dublin besuchte, und erlaubten ihm, eine Rede vor beiden Kammern des Parlaments zu halten. Diese Ehre ist eigentlich Staats- und Regierungschefs vorbehalten.

Barnier wählte deutliche Worte. "Ich möchte dem irischen Volk versichern, dass bei diesen Verhandlungen die Interessen Irlands die der Union sein werden", sagte er. "Wir stehen bei diesen Verhandlungen zusammen, und die geeinte EU wird für euch da sein." Zur Frage nach der Grenze zwischen der Republik Irland und Nordirland sagte er, Zollkontrollen seien Teil der EU-Verwaltung. "Sie schützen den Binnenmarkt, sie schützen unsere Lebensmittelsicherheit und unsere Standards." Aber: "Nichts sollte den Frieden gefährden."

Die EU räumt dem Problem offensichtlich einen hohen Stellenwert ein. Beim Brexit-Gipfeltreffen des Europäischen Rates vor zwei Wochen stimmten die Teilnehmer einstimmig für einen irischen Vorstoß, der vorsieht, dass Nordirland automatisch Teil der EU werden würde, falls die Nordiren in einem Referendum für die Vereinigung mit der Republik Irland stimmten. Die irische Regierung in Dublin versicherte zugleich, dass sie die Abhaltung eines solchen Referendums nicht vorantreiben wolle. Ihr gehe es nur um Rechtssicherheit, erklärte sie. In Großbritannien kam das europäische Abstimmungsergebnis dennoch nicht gut an.

Der frühere Nordirland-Minister Owen Paterson sagte, die EU mische sich in Dinge ein, die sie "nichts angehen". Der konservative Abgeordnete Andrew Rosindell, ein strammer Brexit-Unterstützer, bezeichnete den EU-Vorstoß als "eine weitere skurrile leere Drohung einer EU-Elite", die sich noch immer nicht damit abfinden könne, dass die Briten "in einer historischen Abstimmung" für den Brexit gestimmt hätten. Der frühere Minister für Renten und Arbeit, Iain Duncan Smith – ein weiterer Brexit-Hardliner –, erklärte, die EU versuche, Großbritannien zu "bedrängen und zu bedrohen".