Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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Es ist Dienstagmorgen, der groß angelegte Parkplatz vor dem Schwimmbad ist fast leer. Drinnen, in den bläulich schimmernden Becken, sieht man fast keine Schwimmer. Das Babybecken: leer. Die Liegen im Ruheraum: unbesetzt. Das Wasser der Rutsche sprudelt, aber niemand rutscht. Eine ältere Dame mit Badekappe zieht ihre Bahnen.

Ein normaler Tag in der Wendland-Therme in Gartow in Niedersachsen, 4.000 Einwohner, ein Ort fast an der Grenze zu Brandenburg. Die Wendland-Therme ist ein Schwimmbad, das mit großen Hoffnungen geplant wurde. Ein Bad, das die Massen anlocken sollte. Modern und gläsern liegt der Bau im Grünen, das Wasser wird von LED-Strahlern bunt gefärbt. Im Spaßbecken, genau 30 Grad warm, schaltet sich die Gegenstromanlage ein, schießen Wasserkanonen aus Rohren. Es gibt eine Überwassermassage mit dem Wellsystem TM Medical. Draußen im Saunagarten stehen das Dampfbad und ein Solarium.  

"Wo der Spaß zu Hause ist" – so wirbt die Wendland-Therme bis heute auf ihrer Homepage. Doch für die Samtgemeinde Gartow (Samtgemeinden sind Zusammenschlüsse von Gemeinden in Niedersachsen), die das Bad betreibt, ist das Schwimmbad eine finanzielle Enttäuschung. Statt Spaß brachte das Bad vor allem viele neue Schulden.

Rund vier Millionen Mark hatte die Wendland-Therme beim Bau im Jahr 1992 gekostet. Geld, das die Gemeinde zur Verfügung hatte, weil der Bund damals für das Atommüllzwischenlager im nahe gelegenen Gorleben Ausgleichszahlungen überwies. Schon damals warnte der Bund der Steuerzahler, das Bad werde noch mal richtig teuer, wenn es in Betrieb ginge. Doch die Verantwortlichen schlugen die Bedenken in den Wind.

Die Skeptiker behielten recht. Von Anfang an musste die Kommune Geld drauflegen, um das Bad zu betreiben. Wirtschaftlich war die Wendland-Therme in den vergangenen 25 Jahren nie. Ein Zuschussgeschäft, das eine Frage aufwirft, die sich in vielen Kommunen stellt: Wie teuer darf ein Schwimmbad sein? Und reicht ein schlichtes Schwimmbad mit 25-Meter-Becken heutzutage noch? Wollen die Leute nicht lieber ein Spaßbad mit Wellnessfaktor? 

Rund 7.000 Schwimmbäder gibt es in Deutschland, so steht es in einer Studie aus dem Jahr 2012. Die Bäder sind beliebt, die Bürger schätzen es, in der Nähe schwimmen und saunieren zu können. Aus Sicht der öffentlichen Hand sind Schwimmbäder hingegen oft eine Last. Bäder wirtschaftlich zu betreiben, ist schwierig, die Kosten für Personal, Heizung, Strom, Wasser, Instandhaltung sind hoch. Großstädte wie Köln, Berlin oder Frankfurt können die Bäder oft querfinanzieren. Für kleine Kommunen bedeutet ein unprofitables Bad nicht selten ein unkalkulierbares Risiko.

In Mönchsdeggingen in Bayern etwa musste die Kommune zuletzt 300.000 Euro im Jahr drauflegen, um das Schwimmbad Almarin zu erhalten. Als die Kosten ausuferten, verkaufte die Kommune an einen privaten Investor. Als auch dieser daran scheiterte, das Bad profitabel zu betreiben, kaufte die Gemeinde das marode Schwimmbad vor sieben Jahren zurück und stand vor der Entscheidung, das Bad zu sanieren oder zu schließen. Der Gemeinderat stimmte für die Schließung, Anfang des Jahres wurde der Abriss beschlossen. Der Bürgermeister von Mönchsdeggingen, Karl Weidemann, sagt: "Viele sind enttäuscht. Doch wer die Kosten für die Gemeinde im Blick hat, ist erleichtert."