In den USA kämpfen sie für umstrittene Pipelines, für mehr Öl und Kohle und gegen strenge Emissionsgesetze. In der EU fordern sie, den Klimaschutz nicht weiter zu verschärfen – schließlich tue Europa im Vergleich zu anderen schon genug. In Australien opponieren sie gegen eine Kohlendioxidsteuer; sie werben dafür, in der ökologisch empfindlichen Tiefsee nach Öl zu bohren – und in Bonn nehmen sie gerade an den internationalen Klimaverhandlungen teil: die Lobbyisten der Kohle- und Ölindustrie.

Es scheint paradox. Gerade jene Akteure, deren Geschäft den Klimawandel unvermeidlich immer weiter vorantreibt, werden in den Beratungen gehört, deren Ziel es ist, die Erderwärmung zu stoppen. So auch in Bonn, wo derzeit Delegierte aus mehr als 190 Ländern den nächsten Klimagipfel vorbereiten, der im Herbst am gleichen Ort stattfinden soll.

Über den Gesprächen schwebt die diffuse Sorge, die US-Regierung könnte ihre Drohung doch noch wahrmachen, aus dem Pariser Klimaabkommen auszusteigen. Trotzdem feilt man unverdrossen weiter an technischen Details: zum Beispiel an den Regeln, die festlegen, wie genau die 190 Länder, die sich unter dem Pariser Abkommen zum Klimaschutz verpflichtet haben, ihre Versprechen erfüllen sollen und wie darüber Buch zu führen sei. In den Verhandlungssälen: die Abgeordneten der Vertragsparteien. Draußen in den Gängen: die Lobbyisten. Umweltschützer, Menschenrechtler – und auch die Industrievertreter.

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Die US-Organisation Corporate Accountability International (CAI) hält die Anwesenheit der Kohle- und Ölindustrie in Bonn für einen Skandal. "Mit so vielen Brandstiftern bei der Feuerwehr ist es kein Wunder, dass wir es noch nicht geschafft haben, die Flammen zu löschen", sagt Tamar Lawrence-Samuel, Menschenrechtsanwältin und International Policy Director von CAI. Ihre Organisation fordert seit Jahren, die Lobbyisten der fossilen Industrie von den Klimagesprächen auszuschließen. "Kick Big Polluters Out!" heißt die Kampagne. "Die Agenda von Big Oil hat am Klimatisch keinen Platz", sagt Lawrence-Samuel. "Die Konzerne der Öl-, Gas- und Kohleindustrie haben kein Interesse an einer wirksamen Klimapolitik, das ist durch ihre Geschichte bewiesen."

Demokratisch oder nicht?

Um das zu belegen, hat CAI sich – rechtzeitig zum Treffen in Bonn – genauer angesehen, welche Rolle sechs ausgewählte, auf den Klimakonferenzen akkreditierte Industrieverbände in der heimischen Politik spielen. Das Ergebnis: Zu Hause arbeiteten die Lobbyisten daran, genau die Politik zu blockieren und zu verwässern, die aus den internationalen Klimaverträgen resultiere.

Zum Beispiel die US-Handelskammer, der unter anderem die Konzerne Exxon Mobil, Chevron und Peabody Energy angehören und die im laufenden Jahr vor allem mehr Öl und Kohle fördern will; die National Mining Association, welche die Kohleindustrie der USA vertritt und gegen Ex-Präsident Barack Obamas Clean Power Plan vor Gericht zog; der Verband FuelsEurope, ein Zusammenschluss fossiler Konzerne auf europäischer Ebene, der gegen die Klimaziele der EU gekämpft hat; und das australische Pendant Business Council of Australia, das sich gegen eine Kohlendioxidsteuer einsetzte.

Was also liegt näher, als zu vermuten, dass die Industrielobbyisten auch die internationalen Verhandlungen ausbremsen? CAI-Direktorin Lawrence-Samuel sieht einen starken Interessenkonflikt: "Während Umweltschutz-, Frauenrechtsgruppen und die Vertreter von indigenen Völkern daran arbeiten, die Interessen der Menschen und des Planeten voranzubringen, werden die Industrie- und Handelsverbände finanziert, um die geschäftlichen Interessen ihrer Mitglieder zu vertreten. Das ist ein deutlicher Unterschied." Ihre Forderung: Werft die Verschmutzer raus!

Doch nicht alle Umweltaktivisten teilen diese Position: "Lässt man die Industrie nicht zu den Klimaverhandlungen zu, müsste man alle anderen Beobachtergruppen ebenfalls aussperren", sagt Wolfgang Gründinger, Vorstandsmitglied der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen. "Alles andere widerspräche der Idee einer pluralistischen Demokratie." Und außerdem: "Selbst wenn man die Vertreter die fossilen Industrie ausschlösse, könnten sie in Hotels neben dem Konferenzgelände ihre Treffen abhalten."

Joe Raedle/Getty Images
Klimawandel! Was heißt das?

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Die Erderwärmung bedroht die Welt, aber wie genau? Wir erklären Wetter, Klima und warum der Wandel so gefährlich ist.

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Ban Ki Moon, UN-Generalsekretär

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sagt, warum das ein Problem ist:

"Der Klimawandel ist eine Bedrohung für das Leben und unsere Existenz."

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Das Wetter

… ist der Zustand der Atmosphäre zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort.

Was ist Wetter, was Klima?

Das Klima

... ist das durchschnittliche Wetter über einen längeren Zeitraum hinweg betrachtet, etwa 30 Jahre.

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Leider nein: Viele Schäden sind nicht mehr zu ändern. Die Erde erwärmt sich in jedem Fall. Auch die 2°C Erwärmung beeinträchtigen Ökosysteme auf der ganzen Welt stark und bedrohen damit auch die Lebensgrundlage von Millionen Menschen. Es lässt sich allein das Ausmaß der Katastrophe eingrenzen.

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Stimmt. Viele Forscher sind sicher, dass es einen Zusammenhang gibt. Europa soll aber nicht so stark betroffen sein wie andere Kontinente der Erde.

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Die Sache ist verzwickt. Denn die Lobbyisten bearbeiten ihre Regierungen natürlich nicht nur auf den Klimagipfeln. "Meist passiert das weit im Vorfeld", sagt Karsten Smid, Klimaexperte von Greenpeace. Die Industrie aus den Klimaverhandlungen auszusperren, sei deshalb nicht der richtige Weg. "Es geht darum, ihren heimlichen Einfluss offenzulegen." Smid fordert ein Transparenzregister.

Industrie hat mehr Ressourcen

Für "absolute Transparenz" plädiert auch Dieter Rucht. Der Soziologe hat bis zu seiner Emeritierung die Forschungsgruppe Zivilgesellschaft, Citizenship und politische Mobilisierung in Europa am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) geleitet und für Greenpeace den Einfluss der Industrielobby auf den Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung untersucht. "Grundsätzlich sollte die Beteiligung von Industrielobbyisten an derartigen Treffen nicht ausgeschlossen werden. Auch Umweltverbände betreiben Lobbying", sagt Rucht. "Aber sie sollte absolut transparent erfolgen und nicht durch ein Übergewicht an Gesprächen und aufgebotenem Personal die Gegenseite an den Rand drängen."

Genau da liege jedoch das Problem: Die Industrie verfüge immer über mehr Ressourcen als ihre Gegner. Zugleich aber seien Regierungen wie Behörden auf die Unternehmen angewiesen, sagt Rucht. "Wenn man die Industrie von den Gesprächen ausschlösse, würde sie nur mauern. Die öffentliche Hand aber braucht Informationen von den Behörden. Die Verwaltung ist auf ihre Daten angewiesen": etwa, um den Wandel hin zu einer klimafreundlichen Wirtschaftsweise zu planen, zu regeln und umzusetzen.

Das Pariser Klimaabkommen erkenne an, dass man "alle Hände an Deck" brauche, um den Übergang zu einer klimafreundlichen Zukunft zu schaffen, sagt Nick Nuttall, Pressechef des UN-Klimasekretariats in Bonn. Seit Paris seien Stadtverwaltungen, Investoren und Unternehmer viel stärker in den UN-Klimaprozess eingebunden. "Die Regierungen können das alleine nicht schaffen." Auch ein Sprecher des Bundesumweltministeriums erklärt, die Umsetzung des Pariser Abkommens in konkrete Projekte erfolge "ganz wesentlich durch Unternehmen". Dass auch Industrievertreter an den Verhandlungen teilnehmen und ihre Argumente vortragen können, sei aus Sicht der Bundesregierung "Teil des demokratischen Meinungsbildungsprozesses".

Es kommt also darauf an, die richtige Balance zwischen Nähe und Distanz zu finden – und das gemeinsame Ziel, die Erderwärmung auf höchstens zwei Grad zu begrenzen, dabei nicht aus dem Blick zu verlieren. Wie das gehen soll, darüber haben die Delegierten in Bonn am Dienstag jetzt erstmals im Rahmen einer UN-Klimakonferenz beraten. Etwa 40 Vorschläge lagen auf dem Tisch. China, Indien und verbündete Länder wollten den Lobbyisten mit möglichen Interessenkonflikten Grenzen setzen; andere Länder waren dagegen. Beschlüsse wurden noch keine gefasst: Es war erst der Anfang der Diskussion.