ZEIT ONLINE: Herr Arvai, Sie sind Mitglied eines wissenschaftlichen Beirats der US-Umweltbehörde EPA. Die Verträge anderer Wissenschaftler mit der EPA sind in der vergangenen Woche überraschend nicht verlängert worden. Ihre Aufgaben sollen nun angeblich Industrievertreter übernehmen. Was hätte das für Folgen? 

Joe Arvai: Ich halte das für einen kurzsichtigen, fehlgeleiteten Schritt. Die EPA muss ihre eigene Forschung durchführen, und diese Forschung sollte von höchster Qualität sein. Deshalb braucht sie die allerbesten Wissenschaftler. Gerade in der Qualitätskontrolle, und das war die Aufgabe der Forscher, deren Verträge nun nicht verlängert wurden.

Wenn die Trump-Regierung stattdessen tatsächlich Industrievertreter beruft, steigt das Risiko von parteiischer Forschung, die den Interessen bestimmter Branchen dient, statt die wissenschaftlichen Grundlagen der Umweltregulierung voranzubringen. Dafür sollte es in den Beiräten der EPA keinen Platz geben.

ZEIT ONLINE: EPA-Chef Scott Pruitt hält Regulierungen aber – wie Trump – ohnehin für schädlich. Er wird vermutlich argumentieren: Bisher haben die wissenschaftlichen Aufsichtsgremien einseitig gearbeitet. Die Abberufung bestimmter Forscher macht nun den Weg frei für eine ausgewogenere Arbeit.

Arvai: Er irrt sich. So arbeitet die EPA nicht. Wenn er so argumentiert, wären Zweifel an seiner Fähigkeit angebracht, diese Behörde zu führen. Keinem der beiden Beiräte der EPA mangelt es an Ausgewogenheit. In beiden sitzen Vertreter der Industrie, beide Gremien haben klare Regeln, um Interessenkonflikte zu vermeiden: das Board of Scientific Counselors, das für die interne Qualitätssicherung zuständig ist, ebenso wie das Science Advisory Board, das den Leiter der EPA direkt berät – übrigens nur, wenn er das wünscht; wir geben keinen unverlangten Rat. Die Arbeit beider Räte ist komplett öffentlich und transparent.

Wenn Scott Pruitt als Leiter der EPA dennoch der Auffassung ist, dass eine bestimmte wissenschaftliche Position in dem von ihm eingeholten Rat fehlt, kann er ihn jederzeit verwerfen oder weitere, abweichende Meinungen einholen. Er ist nicht gezwungen, uns zu folgen.

ZEIT ONLINE: Wenn dem so ist, warum verlängert er dann die Verträge der Wissenschaftler nicht einfach?

Arvai: Es geht nur um Politik. Darum, wie es nach außen aussieht.

ZEIT ONLINE: Und wie sieht es aus?

Arvai: Für eine sehr kleine Fraktion kurzsichtiger Leute am rechten Rand des politischen Spektrums sieht es jetzt so aus, als ob die EPA endlich hart durchgreift gegen imaginäre liberale Wissenschaftler. Die aber gar nicht existieren, außer in der Vorstellung dieser Leute. 

ZEIT ONLINE: Welche Wissenschaftler sind von der Entscheidung betroffen?

Arvai: Es sind angesehene Forscher von Universitäten. Umweltexperten, Ökonomen, ganz unterschiedliche Leute. Die Mitglieder der beiden EPA-Beiräte erhalten Dreijahresverträge, die üblicherweise einmal verlängert werden. Das ist in diesen Fällen diesmal nicht geschehen.

ZEIT ONLINE: Es gibt Aufregung um die Abberufung der Wissenschaftler. Hat der von Trump eingesetzte EPA-Chef den Widerstand unterschätzt?

Ich habe keinen Industrievertreter gesehen, der die Abberufung der Forscher gutgeheißen hätte.

Arvai: Wissenschaftler haben protestiert. In den sozialen Netzwerken und anderen Medien wurde Kritik laut, es gab einen öffentlichen Aufschrei. Parlamentarier sind gegen die Entscheidung aufgestanden. Und interessanterweise habe ich nirgendwo irgendeinen Vertreter der Industrie gesehen, der die Aktion gutgeheißen hat.

ZEIT ONLINE: Warum sollte Pruitt sich um den Protest scheren, solange seine Unterstützer ihm applaudieren?

Arvai: Es stimmt, diese Regierung hat – schon als Trump nur Kandidat war – bewiesen, dass ihr so etwas egal ist.

ZEIT ONLINE: Und Trump hat immer wieder angekündigt, dass er Regeln aus dem Weg räumen will, die aus seiner Sicht der Wirtschaft schaden; dass er das Budget und die Personalausstattung der EPA radikal kürzen möchte; dass ihm die Industrie wichtiger ist als die Umwelt.

Arvai: So ist es. Die Industrie ist ihm wichtiger.

ZEIT ONLINE: Wenn jetzt mehr Vertreter in die wissenschaftlichen Beiräte der EPA berufen werden: Welche Folgen hätte das für die Arbeit der Behörde?