Trotzdem hat es natürlich Sinn, auch mit solchen afrikanischen "Champions" zusammenzuarbeiten, wie der Entwicklungsminister sie nennt; erst recht, wenn einer der Schwerpunkte sein soll, ihre weitere Entwicklung auf die Grundlage einer klimaschonenden Energieversorgung zu stellen. Ohne Energie geht ja tatsächlich gar nichts: kein Traktor, keine Kaffeerösterei und kein Internetanschluss, keine Schuhfabrik und kein Krankenhaus. Durchaus symbolhaft fand die Afrika-Konferenz im ausgedienten Berliner Gasometer statt, auf einem Gelände des fossilen Zeitalters, auf dem heute mit Erneuerbare-Energien-Technologien experimentiert wird.

Doch auch hinter dieser Demonstration steht neben dem Klimaschutz ein Eigeninteresse: deutsche Umwelt- und Energietechnik als potenzieller Exportschlager. Erst spät hat die Bundesregierung erkannt, dass sich dafür nicht nur Geld aus globalen Klimaschutztöpfen, sondern auch eine Menge privates Kapital auf Anlagensuche mobilisieren lassen könnte – dass aber Indien und China auf den wachsenden afrikanischen (Energie-)Märkten schon große Vorsprünge haben. David Ndii aus Kenia spricht bei diesem Erwachen von "Europas posthegemonialem Hangover".

Der Gipfel schafft eine neue Aufmerksamkeit

Und noch eine Krux gibt es beim Fokus auf der Infrastruktur: Sie ist, ob bei Solaranlagen, Wasserleitungen oder Straßen, nie neutral. Das haben zahlreiche Konflikte um Dämme und auch schon um Windkraftparks gezeigt. Auf wessen Land werden sie gebaut, mit welchen Folgen für die lokale Bevölkerung? Wem sollen sie zuerst zugutekommen: der breiten Mehrheit der Bauern, die damit zu Kleinunternehmern werden können? Den Frauen, die dort die meiste Arbeit tun? Eher den Städten? Soll es große, zentrale Anlagen geben, mit mächtigen Betreibern? Oder wer finanziert dezentrale Netze, und welche neuen Siedlungs- und Wirtschaftsformen bringen sie hervor? Wo bringen private Unternehmen mehr, wo sollte doch lieber der Staat Verantwortung für die öffentlichen Güter übernehmen?

Solche wichtigen gesellschaftspolitischen Fragen können Regierungen, Unternehmen, Finanz- und Technologieexperten nicht alleine entscheiden. Das war es, was fehlte: die afrikanische Zivilgesellschaft und ihre Erfahrungen.

Immerhin wurde nicht nur im Gasometer diskutiert, und vielleicht ist das der größte Erfolg der politischen Afrika-Offensive: eine neue Aufmerksamkeit, die bis in Kirchen, Landfrauenvereine, Hochschulen, Umweltgruppen und viele andere Kreise Begegnungen mit Menschen aus afrikanischen Ländern mit sich bringt.

Die Heinrich-Böll-Stiftung zum Beispiel hat Bürger aus Nigeria interviewt, was Entwicklung für sie bedeutet – darunter den Poetry-Slammer Dike Chukwumerije, der auf einen auch kulturell eigenen Weg seines Landes hofft. Sein eingangs zitierter Text über die Infrastrukturpolitik endet – ebenfalls frei übersetzt – so: "Zu einer wohlhabenden Nation gehört am Ende / viel mehr als ein Fundament aus reichlich Zement."