Wer soll in diesen Wochen noch an Air Berlin glauben? Nach Verspätungen, Flugausfällen und Gepäckverlusten fordern Tausende Kunden Entschädigungen in zweistelliger Millionenhöhe. Das wirkt im Vergleich zu den Schulden von mehr als einer Milliarde Euro Schulden zwar fast wie Peanuts. Harmlos sind die Forderungen für das Unternehmen aber nicht.

Hinzu kommt der kaum zu berechnende Imageschaden. Wenn selbst der Musiker und Geschäftsmann Bushido an seine fast eine Million Follower twittert: "Jetzt schon eine Stunde Verspätung! Glückwunsch an @airberlin ihr Flachzangen!", mag das niveaulos erscheinen – ein PR-Desaster ist es aber allemal. Es folgten Meldungen zu möglichen staatlichen Bürgschaften. Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries bekundete öffentlich: "Die Situation von Air Berlin ist prekär, sonst würde so ein Antrag auf Bürgschaft nicht gestellt." Auch die Übernahmegerüchte durch die Lufthansa und die Aussteige-Gerüchte um den Hauptaktionär, die arabische Etihad Airline halten sich. Ja, wer soll da noch an Air Berlin glauben?

Trotzdem gibt es es ihn, den harten Kern der Air-Berlin-Optimisten. Dessen Mitglieder kamen am Mittwoch in London zusammen, wo wirtschaftspolitisch derzeit zwar alles andere als Stabilität herrscht. Hier aber ist Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft als Public limited company (PLC) eingetragen. Die diesjährige Hauptversammlung der Aktionäre wäre eigentlich ein guter Zeitpunkt gewesen, das Management zu konfrontieren: Wie wollt ihr nur aus diesem Schlamassel herauskommen? Diese Frage aber wollte keiner stellen. Stattdessen nur zufriedene Gesichter im Tagungssaal des Radisson Park Inn am Heathrow Airport. Wie kann das sein?

Die Botschaft, die Air Berlin an diesem Tag aussenden möchte, ist einfach: Air Berlin will einfach wieder Air Berlin sein – nur eben ohne die schlechten Eigenschaften. Dazu passt auch, dass nicht nur Vorstandschef Thomas Winkelmann auf dem Podium sitzt. Als neuer Chef des Verwaltungsrats thront in der Mitte ausgerechnet Joachim Hunold. Er hatte Air Berlin 1991 gegründet. Unter seinem Wachstumskurs hatte die Airline seit 2008 mit anhaltenden Verlusten zu kämpfen, bis er 2011 schließlich vom Ex-Bahnchef Hartmut Mehdorn ersetzt wurde. Jetzt ist Hunold zurück. Er solle daran erinnern, was Air Berlin einst ausgemacht habe: sicher, zuverlässig und pünktlich zu fliegen, wiederholt Winkelmann mehrfach. Und fügt hinzu: "Freundlich zu fliegen. Auch das war immer ein Markenzeichen der Air Berlin."

"Sehr, sehr geärgert"

Winkelmann wirkt dabei ebenso gelassen wie zumindest die anwesenden Kleinaktionäre. Auch im Sommer 2017 werde es heikle Situationen geben – etwa ein großes Gewitter, das über einem Zielflughafen tobt. Dann werde man natürlich aus Sicherheitsgründen Flüge streichen müssen. Doch all der Ärger um Air Berlin werde dann nur ein peinliches Intermezzo gewesen sein, für das man sich zum einen bereits mehrfach entschuldigt habe, und welches das Management zum anderen "sehr, sehr geärgert" habe. "Air Berlin hat acht Wochen lang nicht das geleistet, was Air Berlin 30 Jahre lang gemacht hat, es in der Gegenwart tut und auch in Zukunft tun wird." Von Zweifeln keine Spur.

Die Debatte um staatliche Bürgschaften versucht der Air-Berlin-Chef fast ebenso schnell wegzuwischen, wie sie aufgekommen war: "Es handelt sich nur um eine Vorprüfung", sagt er. Beim Export seien Bürgerschaften völlig normal. Fast jeder Airbus, der aus Finkenwerder in die Welt hinaus geliefert wird, sei über eine Hermesbürgschaft abgesichert, um etwa Zahlungsausfälle kompensieren zu können.

Für Air Berlin könnten solche Bürgschaften aus einem anderen Grund aber sehr hilfreich sein. Die Fluggesellschaft trägt eine sehr hohe Schuldenlast. Winkelmann sagt: "Air Berlin zahlt circa 140 Millionen Euro nur an Zinsen jedes Jahr." Es sei die Aufgabe des Managements, auch diese Kosten zu senken. Das könne man tun, wenn ein Signal komme. Immerhin würden in den Ländern Berlin und Nordrhein-Westfalen fast 8.000 Menschen bei Air Berlin arbeiten, wohnen und Steuern zahlen. Durch eine Bürgschaft könnten sich über das Kreditrating die Zinsverpflichtungen von Air Berlin deutlich reduzieren. Winkelmann stellt klar: "Wir wollen keine Steuergelder. Wir wollen auch nicht verstaatlicht werden." Und dann seine erneute Botschaft: "Wir wollen zuverlässig, pünktlich und sicher unsere Dienstleistung den Kunden anbieten."

"Das soll keine Beschwerde sein"

Thomas Winkelmann würde sich nicht nur über Bürgschaften freuen, sondern auch über einen endlich fertiggestellten Hauptstadtflughafen. "Air Berlin ist als Fluggesellschaft sicherlich die Hauptleidtragende der Verzögerung des BER", sagt er. "Bei aller Liebe und allen Sentimentalitäten zu Berlin-Tegel. Es gibt dort nicht einmal eine Gepäcksortieranlage." Ohne so eine Anlage, die es überall auf der Welt gebe, könne man Langstrecken nur mit großen Mühen bewerkstelligen. "Das soll keine Beschwerde sein. Aber es muss eben klar sein, dass nur ein funktionierender BER eine der Bundeshauptstadt angemessene Flughafenqualität anbieten kann."

Die Sorge der Bundeswirtschaftsministerin über die Lage des Unternehmens ist Winkelmann unangenehm. "Ich kann keinen Kommentar dazu abgeben, was Frau Zypries gesagt hat", sagt er. Er mache aber kein Geheimnis daraus, dass das Management von Air Berlin an einer Erholung für die Airline arbeitet. "Jeder weiß, dass Air Berlin in den letzten Jahren in eine Situation geraten ist, die eben Umstrukturierungen notwendig macht."