Wenn über die deutsche Energiepolitik diskutiert wird, streiten sich in der Regel zwei Gruppen: Die eine will unseren Energiebedarf schnell durch Sonnen und Windkraft gedeckt sehen. Die andere hält den baldigen Ausstieg aus Gas, Kohle und Öl für illusorisch. Bei beiden Gruppen aber steht der Klimawandel im Mittelpunkt der Argumentation: Wen die Erwärmung der Erdatmosphäre kaltlässt, warum auch immer, der hält meist auch den schnellen Umbau der Energieversorgung für zu teuer oder nicht machbar. Wer sich hingegen sorgt, will logischerweise die schnelle Wende.

Nun aber gibt es ein ganz neues Argument für den Abschied vom Gas und Öl: die Versorgungssicherheit. Deutschland sollte seine Energieversorgung möglichst bald möglichst unabhängig von den Wirren einer immer schwerer zu kalkulierenden Weltpolitik organisieren – und damit von Öl- und Gaslieferungen aus Ländern, auf die man sich, um es mit den Worten der Kanzlerin zu sagen, nicht mehr in jedem Fall verlassen kann. Denn nur so ist eine sichere Zufuhr von Energie garantiert.

Nachrichten aus den USA machen das seit ein paar Tagen unmissverständlich klar: Da verlangt der amerikanische Senat plötzlich Sanktionen gegen Unternehmen, die mit Russland Energiegeschäfte machen. Angeblich soll das der Ukraine helfen, besonders treffen würden die Sanktionen aber vor allem europäische Unternehmen, die an Nord Stream 2 bauen. Diese Pipeline soll Gas aus Russland nach Deutschland bringen. Ganz offen heißt es in Washington auch, dass Europa durch die Sanktionen stärker vom amerikanischem Gas abhängig gemacht werden könne.

Hinter diesem Plan steckt so viel dumpfer Wirtschaftsnationalismus, dass man fast Sympathien für die Nord-Stream-Pipeline entwickeln könnte. Doch die wiederum ist auch in der EU höchst umstritten – allerdings aus anderen, guten Gründen. Denn Nord Stream 2 wird nicht nur Deutschland zum zentralen Hub für Gas machen, die Nachbarländer umgehen und damit die Sorgen der Osteuropäer vor einer deutsch-russischen Allianz speisen. Sie wird auch die russische Bedeutung als Zulieferer von Energie zusätzlich stärken.

Russland kann künftig noch mehr Druck ausüben

Das sollte nicht nur, wie bislang, den Osteuropäern Sorgen machen. Das sollte auch uns unruhig werden lassen. Denn die Russen waren zwar in der Vergangenheit für Deutschland zuverlässige Lieferanten, anderen Ländern aber haben sie aus politischen Gründen schon mal den Hahn zugedreht. Warum sollte das künftig nicht auch mal Deutschland treffen – wenn die Bundesregierung mal eine politische Entscheidung trifft, die Moskau nicht passt?

Es gibt in der internationalen Politik kaum ein subtileres Druckmittel als die Energieressourcen. Wer deren Zufuhr drosseln oder die Preise willkürlich anheben kann, der hat Macht. Und da in den meisten Lieferländern eben keine zuverlässigen, sympathischen Demokraten regieren, sollten wir ihnen diese Möglichkeiten nehmen – und uns weitgehend unabhängig machen: vom russischen Gas. Vom amerikanischen Gas. Und auch vom saudischen oder iranischen Öl. Das aber geht am besten, und ganz nebenbei auch noch am billigsten und umweltfreundlichsten, durch den schnellen Ausbau von Windrädern und Solarkraftwerken, von Elektroautos und durch Energiesparen.

Oder anders gesagt: Wer auf Sonne und Wind setzt, ist auch weniger erpressbar. Und gerade weil die Energiewende ein hochkomplexes Jahrhundertprojekt ist, das uns unabhängiger von außenpolitischen Verwerfungen machen könnte, sollten Regierungen auf Landes- wie Bundesebene und auch Politiker in der EU alle Kraft darauf verwenden, sie zu ermöglichen. Das hieße dann zum Beispiel, anders als CDU und FDP es jetzt für Nordrhein-Westfalen beschlossen haben, den Ausbau der Windkraft in Konkurrenz zur Kohle nicht zu bremsen, sondern mit aller Konsequenz zu fördern. Doch gerade hier ist die Russland-Abhängigkeit über die enge Zusammenarbeit des Essener Energiekonzerns E.on mit Gazprom besonders leicht zu greifen.

Ach ja – bleibt das Argument, dass das alles gar nicht ginge. Im ZEIT-Interview entkräftete der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber das vor ein paar Tagen mit dem Moore'schen Gesetz: Das besagt, dass sich die Kapazität von Speicherplatten alle paar Jahre verdoppelt. Seit 100 Jahren haben Pessimisten immer wieder gewarnt: Jetzt ist Schluss mit dem Gesetz. Sie lagen falsch. Immer noch werden Computer leistungsfähiger – einfach weil die Kunden es so wollen, weil die Industrie forscht und weil offensichtlich vieles möglich ist: Wenn wir nur wollen.