Im Streit um Schuldenerleichterungen für Griechenland ist der Internationale Währungsfonds (IWF) zu mehr Geduld bereit. IWF-Chefin Christine Lagarde bekräftigte in einem Interview mit dem Handelsblatt zwar, dass der Fonds weiter auf Schuldenerleichterungen für das südeuropäische Land besteht. Der IWF sei aber bereit, gemeinsam mit den europäischen Gläubigern an einer Lösung für die bald anstehende und dringend notwendige Auszahlung von Geld aus dem europäischen Rettungsfonds ESM zu arbeiten.

"Wenn die Gläubiger noch nicht so weit sind, unsere Annahmen zu respektieren und zu akzeptieren, wenn sie dafür mehr Zeit benötigen, können wir ihnen etwas mehr Zeit geben", sagte Lagarde der Zeitung. "Es kann also ein Programm geben, bei dem die Auszahlung erst dann geschieht, wenn die Schuldenmaßnahmen von den Gläubigern klar umrissen worden sind." Griechenland braucht bis Anfang Juli eine weitere Auszahlung aus dem für das Land aufgelegten Hilfsprogramm.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) besteht auf einer Teilnahme des Internationalen Währungsfonds am laufenden Rettungspaket, lehnt aber die vom IWF geforderten Schuldenerleichterungen ab. Sollte es zu dem von Lagarde skizzierten Kompromiss kommen, könnten die Euro-Finanzminister bei ihrem kommenden Treffen am 15. Juni die nächste Hilfstranche des Rettungsfonds ESM freigeben. "Es ist eine Möglichkeit für eine Einigung", so Lagarde. Die IWF-Chefin sagte allerdings, dass sie weiterhin eine zügige Einigung auf Schuldenerleichterungen als "Idealfall" ansehe.

Der IWF bewertet die Schuldentragfähigkeit Griechenlands wesentlich skeptischer als andere Experten. Lagarde sprach von realistischen Annahmen. Schäuble hatte die IWF-Prognosen dagegen zuletzt als zu pessimistisch kritisiert.

Christine Lagarde - Die Frau an der Spitze