Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen. 

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An einem Samstagnachmittag Ende Mai setzen sich Hubert und Birgit Heinrich an ihren Computer, um nachzuschauen, wie abgehängt sie von der digitalen Welt sind. Hubert Heinrich, 34 Jahre alt, Prozessentwickler bei einem Autozulieferer, kurze dunkelblonde Haare, tippt die Adresse der Computer Bild in den Browser. Dort gibt es eine Service-Seite, auf der man messen kann, wie langsam das eigene Internet läuft.  

Nach einigen Sekunden meldet die Seite das Ergebnis: extrem langsam. Von 105.912 Personen in Deutschland, die in dieser Woche den Test gemacht haben, landet Heinrichs Internetanschluss auf Platz 100.984. Birgit Heinrich fragt: "Wie kann das sein, in einem Land wie Deutschland?"

Das Ehepaar Heinrich lebt in Schlamberg, einem kleinen Ortsteil von Rottenburg an der Laaber in Niederbayern. Hier haben sie ein Einfamilienhaus gebaut, das achte im Ort. Ein moderner Bau, weiß gestrichen, mit rot getünchtem Vorbau. Im Garten mäht ein Roboter den Rasen. Als sie wegen der günstigen Grundstückspreise nach Schlamberg zogen, wussten sie, was es hier alles nicht gibt: keinen Bus, keine Schule, kein Geschäft. Doch dass das Internet noch immer so langsam ist, erfuhren sie erst später. Es nervt sie gewaltig.

Immerhin 40 Euro zahlen die Heinrichs im Monat für ihren Internetanschluss. 16.000 kbit schnell sollte das Netz sein – was ohnehin nicht viel ist. Tatsächlich sind es jedoch nur 1.400 bis 1.800. Für Mails und Onlinebestellungen reicht das noch aus. Wenn Hubert Heinrich aber YouTube-Filme schauen will, lädt der Film meist so oft nach, dass Heinrich entnervt den Laptop zuklappt. Auch Serien auf Netflix oder die Mediatheken der Fernsehsender laufen zu langsam. Kürzlich wollte Hubert Heinrich einem Freund Fotos schicken, drei Gigabyte groß. Um die Bilder ins Netz zu laden, hätte er sechs oder sieben Stunden warten müssen. Also fuhr er mit dem Auto hin, die Fotos auf einem Stick.

Birgit und Hubert Heinrich mit Sohn Karl vor ihrem Haus

Das Netz in Schlamberg – es ist schnell genug, um es zu kündigen. Es ist aber zu langsam, um es einen Anschluss an die Welt zu nennen.

Das Internet gilt als Medium, das Teilhabe ermöglicht, selbst in den entlegensten Regionen der Erde. Doch Deutschland hinkt beim Ausbau leistungsstarker Breitbandnetze hinterher, vor allem auf dem Land. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigte in diesem Jahr: Nur rund ein Drittel der Haushalte auf dem Land können derzeit mit einem Zugang zu Internetanschlüssen rechnen, der schneller als 30 Mbit/Sekunde läuft. Damit liegt Deutschland im europäischen Vergleich auf Rang 15, hinter Litauen. Noch schlechter fällt die Bilanz beim Ausbau der schnellen Glasfasernetze aus. Deutschland landet hier auf Platz 22. Kaum ein anderes Land in Europa ist schlechter.

So ziehen die Netzgeschwindigkeiten in Deutschland noch immer scharfe Grenzen zwischen Stadt und Land. In Berlin-Mitte heißt im Internet zu sein: Netflix-Serien streamen oder bei Amazon Prime Videos zu schauen. In Schlamberg bedeutet Internet: Lädt die Seite noch?

Dass es kaum Netz gebe, sagt Hubert Heinrich, sei nicht nur in der Freizeit ein Problem. Hubert und Birgit Heinrich haben gerade ihr erstes Kind bekommen. Birgit Heinrich, ein Jahr jünger als ihr Mann, arbeitet als Fachangestellte bei einem Automobilzulieferer. Im Moment ist sie zu Hause und kümmert sich um das Kind. Wenn das Netz es zuließe, könnte sie im Homeoffice arbeiten und so langsam wieder in den Beruf finden. "Für die Alten im Ort mag es kein Problem sein, dass das Internet langsam ist", sagt Birgit Heinrich. "Für die Jüngeren ist es eins."

Doch gibt es wirklich keine Alternativen? Eine Familie im Nachbarort hat unlängst gehandelt und sich eine Antenne aufs Dach gebaut. Jetzt bekommt sie das Internet über Funk. Auch die Heinrichs könnten sich einen Anschluss via Mobilfunk oder Satellit organisieren. Nur kostet so etwas extra. Die Heinrichs zahlen schon für einen Vertrag, der Festnetz und Internet bringen soll. Sie sehen nicht ein, warum sie sich jetzt selbst um mehr kümmern sollen.