Man erwartet vieles, wenn man dieser Tage Hans-Werner Sinn zum Gespräch über Deutschland trifft. Deutschlands bekanntester Ökonom und ifo-Präsident a. D. schreibt nämlich selbst im Ruhestand noch unermüdlich gegen die Fehler der Euroretter an, gegen die Sünden der Bundesregierung und die fatalen Folgen des Brexit. Sinn ist einer, der sich noch nie gescheut hat, Worte wie Scheitern, Ruin oder Staatsbankrott in den Mund zu nehmen. Manche nennen ihn deshalb "Professor Gnadenlos". Andere sagen, er sei der "Dr. Doom von Deutschland", der ökonomische Untergangsprophet. Krisen hat er zuletzt ja mehr als genug prophezeit – Eurokrisen, Schuldenkrisen, Wirtschaftskrisen.

Am allerwenigsten erwartet man deshalb einen tiefenentspannten und gut gelaunten Hans-Werner Sinn, der sich erst einmal mit einem Espresso auf Touren bringt, die Fenster öffnet, damit im holzvertäfelten Büro auch zwei Leute bei Hochsommertemperaturen Luft zum Atmen haben. Und dann sagt er: "Deutschland geht es gut."

Hat er das wirklich gesagt? "Ja, die Konjunktur läuft prächtig, der Ifo-Index ist auf dem höchsten Wert, den wir seit 1991 hatten, die Arbeitslosigkeit auf dem niedrigsten Stand seit Jahrzehnten. Auch der Export läuft ausgezeichnet." Dann folgt aber doch noch dieser Satz: "Wenn das so weiter geht, nähern wir uns dem Überhitzungsbereich." Die Krise ist also noch da, zumindest als nahe Möglichkeit. Denn auf jede Überhitzung folgt ja klassischerweise eine Krise, oder? Doch so leicht zieht Sinn die Schlüsse nicht: "Natürlich kann es nicht ewig so weitergehen, nichts geht ewig so weiter. Vorläufig können wir uns aber über die gute Konjunkturlage freuen."

"Einen Boom haben wir vermutlich noch nicht"

Vorläufig. Und wie lange kann das noch weitergehen? Nun sehen viele Ökonomen einen Aufschwung, aber ist das schon der Boom? Der Boom ist der Gipfel, danach geht es wieder bergab. An diesem Punkt stehe Deutschland noch nicht, sagen die meisten Ökonomen, dafür seien die Löhne noch viel zu niedrig und die Preise nicht stark genug gestiegen – jedenfalls wenn man es mit den vergangenen Aufschwüngen vergleicht. "Diese Argumentation verstehe ich", sagt Sinn. "Einen Boom in diesem Sinne haben wir vermutlich noch nicht, wir sind noch in der Aufschwungphase. Der Aufschwung ist aber stark."

Woran er das festmacht? Am Tiefstand der Arbeitslosigkeit, an den Aufträgen der freien Architekten, die laut ifo-Zahlen schon wieder den Höchststand des Wiedervereinigungsbooms erreicht haben, und am Bauboom in den Ballungszentren. Bei dem fühlt sich Sinn an den Bauboom erinnert, den die Republik zuletzt in den 70er Jahren erlebte. Übrigens habe er selbst den langen Aufschwung beim Bau schon im Frühsommer 2010 vorhergesagt , "aber damals wollte es noch keiner hören. Inzwischen weiß man, dass er genau in diesem Jahr begann." Zuletzt warnte sogar die Bundesbank, es blähe sich am Immobilienmarkt eine Blase auf.

Insgesamt, so sagt die Statistik, kann so ein Boom am Bau gut eineinhalb Jahrzehnte andauern, "etwa die Hälfte davon hätten wir dann schon", meint Sinn. Blieben also noch rund sieben Jahre. Der deutsche Konjunkturaufschwung gehe jedenfalls 2018 "mit voller Power weiter". So zumindest prognostizieren es auch das ifo Institut und der Internationale Währungsfonds. Aber wie stark und stabil ist Deutschland wirklich? Und haben sich nicht schon viele Ökonomen mächtig geirrt?

Sinn steht zu seinen Warnungen

In dem Buch, mit dem Sinn seinen Durchbruch erzielte, fragte er vor Jahren schließlich auch: "Ist Deutschland noch zu retten?" Sinn warnte, dass die Republik der "kranke Mann Europas" sei: Die Löhne hierzulande seien zu hoch und Deutschland international nicht wettbewerbsfähig. Das war 2003. Auch gegen Mindestlöhne und den deutschen Exportüberschuss wetterte er später. Zu all dem steht er auch heute noch. Nur in puncto Lohnhöhe relativiert er: "Das ist lange her, damals stimmte das", sagt Sinn, "damals waren wir das Land mit den höchsten Lohnkosten weltweit."   

Dann habe Schröder seine Reformen umgesetzt und die Agenda 2010. Die hätten zu einer größeren Lohnspreizung geführt und einem geringeren Lohnanstieg. Daraufhin sei die Massenarbeitslosigkeit bei den Geringverdienern gesunken. Das sagt er oft und ergänzt: "Ich fand, dass Schröder die richtige Richtung eingeschlagen hatte, aber er hätte noch energischer voranschreiten können. Denn eigentlich dürften wir praktisch gar keine Arbeitslosigkeit mehr haben. Als ich studierte, um das Jahr 1970, hätte Westdeutschland nur 150.000 Arbeitslose gehabt. Einen winzigen Bruchteil des heutigen Niveaus."

Trotzdem hat Deutschland offenbar seine Hausaufgaben gemacht, oder? "Die wesentlichen, ja", findet Sinn, "aber längst nicht alle. Wir haben ein riesiges Demografieproblem, das kriegen wir überhaupt nicht in den Griff. Unsere Kinderarmut können wir nicht mehr korrigieren. Und wir haben ein Problem mit dem Rentensystem – da ist der Zug auch abgefahren." Außerdem exportiere Deutschland zu viel. Der Leistungsbilanzüberschuss sei zu groß, wegen der Unterbewertung des Euro. "Deutschland verkauft seine Exporte zu billig und erhält für den Leistungsbilanzüberschuss zudem Schuldscheine, die man uns eines Tages um die Ohren schlagen wird. Und zum Teil sind es nicht einmal Schuldscheine, sondern nur Buchforderungen, weil die Bundesbank die Hälfte der Überschüsse finanziert."