Manchmal entscheidet nicht das Geld darüber, ob ein Land arm oder reich ist. Zum Beispiel Katar: Das Emirat am Persischen Golf ist, rein finanziell betrachtet, der wohlhabendste Staat der Erde. Maßstab ist die Kaufkraft des Pro-Kopf-Einkommens der Katarer. Dennoch geht es dem Land derzeit ziemlich schlecht – wegen des Boykotts, den die Nachbarstaaten, die Katar umschließen wie eine Muschel die Perle, gegen es verhängt haben. Sie blockieren den Grenzverkehr von Waren und Personen zu Lande, zu Wasser und in der Luft.

Die Auswirkungen werden wohl nicht nur die Katarer selbst spüren, deren Heimat so abhängig von Lebensmitteleinfuhren ist wie kaum ein zweites Land. Etliche deutsche Unternehmen könnten in Mitleidenschaft geraten. So winzig das Emirat ist, seine Wirtschaftsverbindungen zu Deutschland sind stark – viel stärker jedenfalls als ein erster Blick in die Handelsstatistik das vermuten lässt.

Der Handel zwischen beiden Ländern ist übersichtlich: Zuletzt exportierte Deutschland Waren im Gesamtwert von knapp 2,5 Milliarden Euro nach Katar; insgesamt sind etwa 200 deutsche Firmen in Katar aktiv. Auf der Rangliste der wichtigsten Abnehmerländer kommt das Emirat nicht einmal unter die ersten 50. Dennoch ist es in der Golfregion ein wichtiger Kunde. "Nach den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien ist Katar der drittgrößte Exportmarkt für deutsche Produkte in der arabischen Golfregion" sagt Kathrin Lemke von der Außenhandelskammer Katar, "und deutsche Unternehmen und Produkte genießen in Katar einen guten Ruf." 

Und es gibt Potenzial: Zuletzt seien die deutschen Ausfuhren um beachtliche 18 Prozent gestiegen, sagt Lemke – jedenfalls bis zum Embargo. Nun hoffen die Vertreter der Außenhandelskammer, dass sich die diplomatische Lage bald wieder beruhigt: "Sollten die Beschränkungen im Luft- und Seefracht- sowie Personenverkehr längerfristig andauern, könnten auch für deutsche Unternehmen wirtschaftliche Schäden entstehen." Die diplomatischen Vertreter im Land geben lieber keine Stellungnahme ab.

Milliardeneinnahmen aus Öl- und Gasexporten

Katar hängt viel stärker von den Einfuhren aus Deutschland ab als die Bundesrepublik selbst. Die ist der fünftwichtigste Lieferant des Landes. Deutsche Firmen verkaufen Maschinen, Fahrzeuge und Anlagen zur Stromerzeugung, sie sind am Bau der Stadien für die Fußballweltmeisterschaft sowie ganzer Städten beteiligt. Die Nachfrage ist der Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing Germany Trade and Invest zufolge hoch, auch wenn das Emirat zuletzt weniger importierte.

Was die Bundesrepublik im Gegenzug gern abnimmt, ist Erdöl im Wert von rund einer Milliarde Euro pro Jahr – umgerechnet sind das 90 Prozent der katarischen Ausfuhren nach Deutschland. Sein Erdgas hingegen verkauft Katar vor allem nach Asien. Für die deutschen Importe spielt es so gut wie keine Rolle.

Für die deutschen Unternehmen aber schon. Katar besitzt rund 13 Prozent der weltweit verfügbaren Gasvorkommen. 2016 lieferte es ein Drittel der gesamten Flüssiggasmenge weltweit. Mehr verkaufte keiner. Durch den Verkauf seines Gases – und des Erdöls – nimmt Katar jährlich Milliarden ein – viel mehr, als es zu Hause verbrauchen oder investieren könnte. Deshalb steckt das Emirat seine Energieeinnahmen in ausländische Firmen, auch in deutsche. Genau diese Investments könnten den Unternehmen nun Probleme bereiten.