ZEIT ONLINE: Herr Hoffmann, brauchen wir in Deutschland Politiker wie Jeremy Corbyn?

Reiner Hoffmann: Ja, das wäre gut.

ZEIT ONLINE: Warum?

Hoffmann: Corbyn hat in Großbritannien mit einem lupenreinen sozialdemokratischen Programm 40 Prozent der Stimmen geholt. Dabei lag er zu Beginn weit hinter Theresa May. Das ist ein großer Erfolg.

ZEIT ONLINE: Wie viel Corbyn steckt in Martin Schulz?

Hoffmann: Sie kommen beide aus sozialdemokratischen Parteien. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass die Schnittmenge erheblich ist.

ZEIT ONLINE: Aber die Massen kann Schulz trotzdem nicht begeistern.

Hoffmann: Die SPD muss den Bürgern klarmachen, welche Erfolge sie in der großen Koalition erzielt hat. Und die sind beachtlich. Aber was noch wichtiger ist: Martin Schulz muss in bestimmten Fragen nachlegen. Was versteht die SPD unter sozialer Gerechtigkeit? Wie will sie sich europapolitisch aufstellen? Wie geht sie mit dem Strukturwandel um? Wie mit den Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt? Da existieren Ansätze, die müssen weiterentwickelt werden.

ZEIT ONLINE: War Corbyn vielleicht auch deshalb so erfolgreich, weil die sozialen Probleme in Großbritannien viel größer sind als in Deutschland?

Hoffmann: Die Probleme sind völlig andere. Die konservative Regierung in London hat Europa in Geiselhaft genommen. Sie hat aus rein machttaktischen Gründen ein Referendum über den Verbleib in der EU durchgeführt. Das hat viele Briten vor den Kopf gestoßen.

ZEIT ONLINE: Aber Corbyn hat keinen Brexit-Wahlkampf geführt. Es ging vor allem um innen- und sozialpolitische Probleme.

Hoffmann: Corbyn hat sich auf die Konsequenzen der Entscheidung konzentriert: Wie muss sich ein Land aufstellen, damit die Bürger das Gefühl haben, es geht wieder gerechter zu? Diese Frage muss man sich unabhängig vom Brexit auch in Deutschland stellen.

ZEIT ONLINE: Hier steigen die Löhne, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, die Staatskassen gefüllt. Übertreiben Sie nicht ein wenig?

Hoffmann: Ja, wir haben eine stabile wirtschaftliche Situation. Wir haben einen robusten Arbeitsmarkt mit der höchsten Zahl von sozialversicherungspflichtigen Jobs. Aber: Deutschland ist innerhalb der EU nach Litauen das Land mit dem größten Niedriglohnsektor. Viele Menschen sind verunsichert, sorgen sich um ihre Zukunft, wissen nicht, ob die Rente im Alter reicht.

Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Warum können in Deutschland Arbeitsverträge ohne sachgerechten Grund befristet werden? Wenn junge Menschen fünf, sechs, acht Jahre lang von einem Arbeitsvertrag in den nächsten stolpern, kann man doch nicht sagen, ihnen ginge es gut. Angesichts des rasanten ökonomischen Wandels braucht es Leitplanken, die den Menschen Sicherheit vermitteln.

Viele Menschen sind verunsichert, sorgen sich um ihre Zukunft, wissen nicht, ob die Rente im Alter reicht.
Reiner Hoffmann

ZEIT ONLINE: Eine Umfrage des Leipziger Soziologen Holger Lengfeld kommt zum Schluss: Immer weniger Menschen fürchten sich vor sozialem Abstieg. Lengfeld sagt: Der Optimismus ist zurück.

Hoffmann: Wir haben da ganz andere Ergebnisse. Die meisten Menschen sind mit ihrer derzeitigen Situation zufrieden. Sie erleben aber auch, dass es für Menschen in ihrer Familie, in ihrem Freundeskreis alles andere als gut läuft. Sie erleben, dass Menschen nicht mehr aus dem Niedriglohnsektor herauskommen. Sie erleben, dass ihre Kinder trotz erfolgreicher Ausbildung nur eine Arbeit finden, bei der die Verträge auf zwei oder drei Jahre befristet sind.

ZEIT ONLINE: Viele Arbeitgeber behaupten: Wir finden keine qualifizierten Leute mehr.

Hoffmann: Das stimmt für einzelne Bereiche, aber eben nur dort. Schauen Sie mal auf das Arbeitsvolumen: Pro Jahr werden in Deutschland 51 Milliarden Arbeitsstunden geleistet. Die Zahl ist seit zehn Jahren konstant. Die Beschäftigung ist gewachsen, aber das Arbeitsvolumen ist gleich geblieben. Wir haben also mehr Beschäftigte, aber Millionen von ihnen arbeiten Teilzeit. Zum Beispiel Frauen – die Erwerbsquote ist bei ihnen gestiegen, aber 80 Prozent der Teilzeitbeschäftigten sind Frauen.

ZEIT ONLINE: Viele davon freiwillig.

Hoffmann: Eben nicht. Das ist doch eine Schimäre. Sie sind in Teilzeit gefangen. Vielleicht wollen sie nicht in Vollzeit arbeiten, würden aber gerne aufstocken. Nur gibt es leider kein Rückkehrrecht auf Vollzeit, das Gesetz dazu ist gerade gescheitert. Da muss die nächste Regierung auf jeden Fall ran.