ZEIT ONLINE: Die von Ihnen kritisierte Flexibilisierung am Arbeitsmarkt, der Niedriglohnsektor, ist das nicht der Preis für die Erfolge, die Deutschland seit Jahren feiert?

Hoffmann: Einen Erfolg, der auf Kosten der Beschäftigten erreicht wurde, durch Niedriglöhne, Leiharbeit, Werkverträge und Befristungen, kann man wohl kaum als Erfolg bezeichnen. Nein, wir sind erfolgreich, weil wir immer noch eine große industrielle Wertschöpfung haben. Bei uns ist sie mit 20 Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt deutlich höher als in jedem anderen Land der EU. Außerdem sind wir der größte Profiteur der Europäischen Union – insbesondere der Währungsunion. Die Niedrigzinspolitik und der schwache Eurokurs geben der deutschen Wirtschaft einen gewaltigen Schub, hinzu kamen günstige Rohstoff- und Ölpreise.

ZEIT ONLINE: Was folgt aus dieser Erkenntnis?

Hoffmann: Aus europäischer Sicht: Es kann den deutschen Bürgern auf Dauer nicht gut gehen, wenn es den Menschen in den anderen EU-Staaten schlecht geht. Die Eurokrise gefährdet auch unseren Wohlstand. Die Frage, was falsch läuft in der EU und was Deutschland anders machen muss, wird viel zu selten gestellt.

ZEIT ONLINE: Vielleicht weil man damit in Deutschland keine Wahlen gewinnt?

Hoffmann: Hat es schon mal jemand versucht? Nein. Das war immer ein Problem in Deutschland. In jedem Bundestagswahlkampf wurde Europa zum Non-Thema gemacht. Aber Emmanuel Macron hat in Frankreich gezeigt: Mit Europa kann man Wahlen gewinnen.

ZEIT ONLINE: Aber Macron hat nicht wegen Europa gewonnen. Er hat gewonnen, weil sich die großen Parteien selbst zerstört haben – und weil eine Mehrheit Marine Le Pen nicht wollte.

Hoffmann: Da bin ich gänzlich anderer Auffassung. Macron hat natürlich im Lichte der Verfasstheit der anderen Parteien gewonnen. Aber die Franzosen wollen auch keinen Frexit, wie ihn Marine Le Pen plant. Macron hat klar proeuropäische Signale gesetzt, das hat die Menschen überzeugt.

Wir brauchen eine europäische Investitionsoffensive.
Reiner Hoffmann

ZEIT ONLINE: Es gibt einen großen Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland: Macron hat von seinen Wählern nicht verlangt, viel Geld für Europa auf den Tisch zu legen. Wohingegen jeder Pro-Europa-Wahlkampf – beispielsweise von Martin Schulz – genau darauf hinauslaufen würde.

Hoffmann: Das stimmt nicht. Wenn sich Macron für ein eigenes Budget innerhalb der Währungsunion ausspricht, dann kostet das auch den französischen Wähler Geld. Zugleich gewinnen alle, wenn die Wirtschaft in Europa wieder Fahrt aufnimmt.

ZEIT ONLINE: Auf Deutschland übertragen: Dass Europa ein unpopuläres Wahlkampfthema ist, hat ja auch damit zu tun, dass man erklären muss, warum der deutsche Steuerzahler so hohe Risiken übernehmen soll.

Hoffmann: Risiken oder Chancen? Erklären wir doch mal öfter, auf welche Weise die Bürger in Deutschland von der EU profitieren. Die Vorteile sind doch um ein Vielfaches größer als die Kosten. Da gibt es doch mehr zu erzählen als die Freizügigkeit und die gemeinsame Währung.

ZEIT ONLINE: Wie müsste ein proeuropäischer Wahlkampf in Deutschland aussehen? Was wären die wichtigsten drei Punkte?

Hoffmann: Wir brauchen zuallererst eine europäische Investitionsinitiative, die vor allem in die Infrastruktur investiert. Warum gibt es keine schnelle Eisenbahnstrecke, die von Madrid über Paris nach Warschau führt? Warum haben wir eine Energiewende in Deutschland, die rein national aufgestellt ist? Warum haben wir keine schnellen Internetnetze, keine Breitbandverkabelung, die quer durch Europa geht? Über die Größenordnung kann man streiten, zwei Prozent des EU-BIPs wären ein Anfang.

ZEIT ONLINE: Hatten wir das nicht schon mal? Mehr Wachstum mit mehr Schulden?

Hoffmann: Dass kein Geld dafür da wäre, ist Unfug. Wir müssen es nur schaffen, an das Geld heranzukommen, das auf den internationalen Kapitalmärkten hin- und hervagabundiert, und den zwischenstaatlichen Steuerwettbewerb nach unten endlich beenden. Warum haben wir es, verdammte Hacke, immer noch nicht hinbekommen, eine europäische Finanztransaktionssteuer einzuführen? Und warum werden nicht endlich die Steuerschlupflöcher geschlossen? Darüber diskutieren wir nun mehr als 20 Jahre.

ZEIT ONLINE: Was wären die anderen beiden Punkte?

Hoffmann: Zweitens müssen wir endlich sicherstellen, dass soziale Grundrechte Vorrang haben. Sie dürfen nicht der Deregulierungswut geopfert werden, wie beispielsweise in Griechenland. In der Grundrechtecharta der EU ist der Grundsatz der Tarifautonomie festgeschrieben. Und was hat die Troika an allen Parlamenten vorbei gemacht? Die Tarifautonomie in Griechenland außer Kraft gesetzt. Mit dem Ergebnis, dass die Löhne um bis zu 25 Prozent gefallen sind. So macht sich die EU unglaubwürdig, so schafft sie kein Vertrauen in ihre soziale Verantwortung.

Drittens brauchen wir eine faire Handelspolitik. Europa hat das Potenzial, vernünftige Antworten auf die Globalisierung zu geben. Wir können die Globalisierung nicht gestalten, indem wir neue Mauern hochziehen. Sie muss fairer werden, die Interessen der Bürger voranstellen und nicht die der großen Konzerne.