Es geht der deutschen Wirtschaft gut, ausnehmend gut sogar, das bestätigen Forschungsinstitute fast Woche für Woche. Ende Mai sprach das deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) von "Frühjahrseuphorie", diese Woche meldete das ifo-Institut: "Das Klima wird sich weiter verbessern." Die Wirtschaft sei auf "robustem Expansionskurs". Sogar die Verbraucher spüren das: Manche Fabrik und Branche kann gar nicht mehr so schnell produzieren, wie die Kunden gern Waren hätten: Wer ein Auto kaufen möchte, muss bei den meisten Herstellern drei bis sechs Monate warten. Das ist Rekord, staunen Automagazine. Bei Dachdeckern, Elektrikern oder Sanitärfachleuten heißt es: "Tut uns leid, die nächsten Monate sind wir ausgebucht." Fliesenleger, Markisenspezialisten, Gartenbauer oder Lebensmittelproduzenten – viele Gewerke haben gut zu tun. Zu gut vielleicht.

Nun sind knapp 2 Prozent Wachstum pro Jahr nicht die Welt. Im nächsten Jahr soll es ungefähr wieder so viel werden, 1,7 Prozent. Im Rückblick der vergangenen 25 Jahre legte das deutsche Sozialprodukt selbst in den schwachen Jahren um diese 2 Prozent zu. In den guten Jahren wuchs es sogar 3 Prozent oder mehr. 2005 und 2006 schaffte es sogar 3,3 und 3,7 Prozent. So sieht also ein echter Aufschwung aus. Und davon sind wir doch momentan noch deutlich entfernt.

Man kann das Wachstum aber "robust" nennen oder auch "dynamisch", auf jeden Fall ist es stärker als viele Experten zuvor erwartet hatten. Und der Aufschwung hält bereits das fünfte Jahr in Folge an, das ist ungewöhnlich lange. Die Produktionszahlen steigen bereits seit 2009. Und doch sind einige Ökonomen überzeugt, die stetigen 2 Prozent könnten schon zu viel sein für eine Volkswirtschaft wie die deutsche.

Der nächste Absturz kommt bestimmt

Das Institut für Weltwirtschaft in Kiel warnte jüngst, die deutsche Wirtschaft drohe zu überhitzen. Deutschland stehe "an der Schwelle zur Hochkonjunktur". Im verarbeitenden Gewerbe sei die Lage bereits "angespannt" und auch die Bauwirtschaft "operiert am oberen Limit". Die Kapazitäten seien allerorten nicht nur gut ausgelastet, sondern bereits "ähnlich überlastet" wie im Boomjahr 2007. Auf das Jahr 2007 folgte, wie bekannt, der große Crash, in Form der großen Finanz- und Weltwirtschaftskrise von 2008. Irgendwann, so viel ist klar, wird auch der nächste Konjunkturabsturz kommen.

Dass momentan noch die wenigsten daran denken wollen, liegt daran, dass die zyklischen Ausschläge der jüngsten Zeit weniger stark ausgefallen sind, ebenso wie die Wachstumsraten. Es sei ein "gestreckter Aufschwung" gewesen, so nennen die IfW-Ökonomen das. Und deshalb nehmen ihn viele nicht als bedrohlich wahr. Inzwischen aber sagen selbst Unternehmer einhellig: Ihre Auftragslage und ihre Zukunftsaussichten sind so gut wie lange nicht, wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Das ifo-Geschäftsklima markierte jüngst sogar ein Allzeithoch.

Gerade weil der Aufschwung weitergehen soll, wollen nun überwältigende 81 Prozent der mittelständischen Unternehmer laut eigenen Aussagen investieren, so ermittelte die DZ Bank – und zwar, um sich mehr Maschinen und Mitarbeiter für all die Aufträge leisten zu können. Bisher hatten sie ihr Geld eher in Ersatz- und Rationalisierungskäufe gesteckt. Der Kreditumfang ist laut Bundesbank-Zahlen zuletzt gestiegen, das untermauert die gestiegene Investitionsbereitschaft. Genau an diesem Punkt machen die Ökonomen des IfW aber ihre Warnung fest: Denn der Konjunkturzyklus sei schon weit fortgeschritten. Jetzt noch Maschinen anzuschaffen, berge die Gefahr, in "nicht nachhaltige Strukturen" zu investieren. Denn sie könnten sich als überdimensioniert und überflüssig herausstellen, wenn der nächste Abschwung kommt. Zudem setzten die Niedrigzinsen verzerrte Preissignale, die solche langlebigen Anschaffungen und die Kredite dafür sinnvoller erscheinen ließen, als sie es sind. 

Angst vor der Investition?

So weit klingt die Warnung plausibel und gerechtfertigt. Doch investieren sich deutsche Firmen demnächst um Kopf und Kragen? Diese Befürchtung muss man eher nicht haben. Tatsächlich zeigt der Order-Capacity-Index der Bundesbank an, dass zwar in vielen Unternehmen die Produktionskapazitäten nicht mehr ausreichen, vor allem im verarbeitenden Gewerbe. Die Auslastung liegt rund sieben bis acht Prozentpunkte über dem langjährigen Mittel. So gesehen müssten "zukünftig Erweiterungsinvestitionen wieder eine bedeutende Rolle spielen", folgert Gustav Horn vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung.

Doch selbst wenn 80 Prozent der Mittelständler sagen, dass sie über den Maschinenkauf nachdenken – die wenigsten wagen ihn wirklich, kritisiert das IMK: "Was uns große Sorge macht, ist die hartnäckige Investitionsschwäche. Die Daten zeigen: Viele deutsche Unternehmen fahren ihre Produktion auf Hochtouren. Eigentlich müssten sie ihren Maschinenpark ausbauen und modernisieren. Aber nichts dergleichen geschieht." Viele sind dann doch unsicher, ob es sich lohnt.