Wenn das Petersburger Wirtschaftsforum SPIEF, Russlands Davos, ein Indikator für den Zustand der Ökonomie wäre, dann könnte sich Wladimir Putin wohl zufrieden zurücklehnen. Noch vor drei Jahren, als die Ukraine-Krise gerade auf dem Höhepunkt war, waren es vor allem die Chefs von Staatsunternehmen, die auf einem in die Tage gekommenen Messegelände Verträge miteinander abschlossen. Heute kann sich der Präsident mit allerlei internationalen Größen schmücken." Die Gäste hier im Saal verwalten insgesamt ein Kapital von elf Billionen Dollar", freute sich Putin bei einem Treffen mit Vertretern staatlicher Investmentfonds aus 23 Ländern. Das Forum ist mittlerweile umgezogen in ein modernes Kongresszentrum am Stadtrand. Fast 250 Chefs ausländischer Konzerne sind eingeflogen.

Doch noch wichtiger als das Gespräch mit der Außenwelt ist für Putin die Präsentation. So verkündete Vizepremier Dmitri Rogosin auf dem SPIEF, dass Russlands neues Flugzeug, die MS-21, die vor wenigen Tagen ihren Jungfernflug absolvierte, bald mit Airbus und Boeing auf dem Weltmarkt konkurrieren will. Das Projekt ist Chefsache, Putin hatte direkt nach dem Start persönlich der Belegschaft und dem Chef des Flugzeugbauers Irkut, der teil einer staatlichen Holding ist, zum erfolgreichen Testflug gratuliert. Der Staatskonzern Rosatom hatte einen erfolgreichen Deal mit Indien für Petersburg im Gepäck. Der Atommonopolist will mittlerweile seinen dritten Reaktor auf dem Subkontinent errichten. Seit Jahren arbeitet Putin daran, Russland als international führenden Anbieter von Nukleartechnologie zu etablieren.

Tatsächlich läuft Russlands Wirtschaft derzeit so rund wie schon lange nicht mehr. Führende Experten, angefangen bei der Weltbank bis hin zur angesehenen Moskauer Higher School of Economics, bekräftigen einstimmig, dass sich das Wachstum verfestigt. Der negative Effekt von Sanktionen scheint längst verdaut, gleichzeitig ist die Liste positiver Indikatoren lang. Der wichtigste unter ihnen ist natürlich der stabile Ölpreis, der bei über 50 Dollar pro Barrel fast ein Viertel über dem Vorjahreswert liegt. Das führt dazu, dass Rohstoffexporte mehr Geld in die Kassen bringen. Der Rubel seinerseits hat sich seit seinen Tiefstständen merklich erholt. Die Importe steigen und sorgen dafür, dass die Preise in den Supermärkten stabil bleiben. Moskaus Wirtschaftsministerium rechnet nach zwei Jahren Rezession wieder mit einem Wachstum von um die zwei Prozent. Zuletzt konnten sogar die gebeutelten Rücklagen wieder etwas aufgestockt werden. Schwand das Geld im vergangenen Jahr noch wie Sand zwischen den Fingern, stiegen die Rücklagen in den beiden wichtigsten Reservefonds der Regierung im April um eine Milliarde auf insgesamt etwa 80 Milliarden Euro.

Steht die russische Wirtschaft also kurz davor, erfolgreich abzuheben, wie es kürzlich die MS-21, Russlands neue Luftfahrthoffnung getan hat? Zumindest die Fassade scheint derzeit zu glänzen. Doch die Probleme lassen sich auch auf dem SPIEF nicht verbergen. So war es mal wieder Putins Wirtschaftsberater und langjähriger Weggefährte Alexej Kudrin, der während einer Podiumsdiskussion Reformen anmahnte.

Es ist vor allem der wachsende staatliche Einfluss auf die Wirtschaft, der Kudrin und einem großen Teil der Experten Sorgen bereitet. Viele der Branchen, die jetzt im Aufwind sind, hängen von staatlicher Finanzierung ab und müssen aus den Erträgen der Energiewirtschaft subventioniert werden. So bekommt allein die Landwirtschaft, Russlands erfolgreichste Branche der Krisenjahre, im laufenden Jahr 3,5 Milliarden Euro an staatlichen Zuschüssen. Dabei hatte erst kürzlich der Landwirtschaftsminister Alexander Tkatschew versucht, weitere 500 Millionen herauszuhandeln. Er bekam lediglich 150. Schon im kommenden Jahr sollen die staatlichen Subventionen nur noch 3 Milliarden statt der ursprünglich geplanten 5 Milliarden betragen. Schließlich will der Kreml sein Budgetdefizit loswerden, das im relativ erfolgreichen ersten Quartal immer noch fast zwei Prozent der Wirtschaftsleistung betrug.