Dem Arbeitsmarkt in den USA geht es besser als erwartet; das belegen die neuesten Zahlen: 222.000 neue Stellen schufen die Unternehmen im Juni, die Erwerbsquote stieg auf 63 Prozent, die Arbeitslosenquote stagniert bei 4,4 Prozent. Damit nähert sich das Land, folgt man Ökonomen, der Vollbeschäftigung. Seit dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise vor sechs, sieben Jahren – damals lag die Arbeitslosigkeit bei zehn Prozent – hat sich die Lage Jahr um Jahr verbessert.

Die Stimmung im Land ist dennoch gedrückt. Viele Amerikaner klagen weiterhin über wirtschaftliche und finanzielle Probleme. Wie passt das zusammen?

Eine Antwort ist: Während der Arbeitsmarkt sich erholt hat, sind die Löhne nicht besonders stark gestiegen. Im Juni lag das Lohnniveau nicht einmal 0,2 Prozent über dem Niveau des Vormonats, wie Daten des Arbeitsministeriums zeigen. Seit der Finanzkrise sind die Löhne pro Jahr im Schnitt um weniger als drei Prozent gestiegen, teilweise sogar um weniger als zwei Prozent. Das linksliberale Wirtschaftsinstitut EPI hat ausgerechnet, dass das Wachstum bei 3,5 bis 4 Prozent liegen müsse, damit die Arbeitnehmer von der wirtschaftlichen Erholung profitieren. 

Hinzu kommt eine Entwicklung, die von den üblichen Wirtschaftsstatistiken kaum erfasst wird: Für eine wachsende Zahl von US-Bürgern bedeutet ein fester Job keineswegs ein festes Einkommen. Wer in der Gastronomie oder im Einzelhandel arbeitet, muss mit einem kurzfristigen Auf und Ab seines Verdienstes rechnen, weil die Arbeitgeber mal mehr oder mal weniger Stunden zuteilen. Arbeiter im Baugewerbe und in der Produktion sind zunehmend von monatlichen Schwankungen betroffen.

Kaum Familien mit stabilem Einkommen

Die neue Unsicherheit trifft Mittelstandsfamilien ebenso wie solche mit niedrigem Einkommen. Das ist das Resultat einer Langzeitstudie von Jonathan Morduch, einem Experten für Mikrofinanzen an der New York University, und Rachel Schneider, einer Ex-Investmentbankerin, die für das Center for Financial Services Innovation arbeitet – einem Non-For-Profit-Institut, das nachhaltigere Finanzdienstleistungen fördert. Die Finanztagebücher heißt ihre im April veröffentliche Studie. Für sie haben Morduch und Schneider ein Jahr lang verfolgt, was 235 Familien in fünf verschiedenen Bundesstaaten einnahmen, ausgaben, sich liehen oder verschenkten.

Unter den Teilnehmern waren Familien verschiedener Hautfarbe und Herkunft, Alleinerziehende genauso wie Mehrgenerationenhaushalte. Einige Familien lebten auf dem Land, andere in Städten, einige waren Immigranten, andere seit Generationen im Land – die wesentliche Bedingung war, dass mindestens ein Haushaltsmitglied eine feste Stelle haben musste. 

Die Erkenntnis der beiden Forscher: Selbst Haushalte, die aufs Jahr gesehen genug verdienten, um ohne finanzielle Schwierigkeiten über die Runden zu kommen, kämpften mit erheblicher Unsicherheit. Bei der Mehrheit der Haushalte lag in mehr als fünf Monaten des Jahres das Monatseinkommen mindestens ein Viertel über oder unter dem monatlichen Durchschnitt. Nur zwei Prozent der Teilnehmer hatten ein relativ stetiges Einkommen ohne solche Sprünge.

Ein Beispiel: Eine Familie verfügte auf Jahresbasis über ein Einkommen von 60.000 Dollar. Das ist nicht schlecht; das mittlere Haushaltseinkommen in den USA beträgt knapp 52.000 Dollar. Während in sieben Monaten jeweils 5.000 Dollar in die Haushaltskasse kamen, stiegen die Einkünfte in zwei guten Monaten sogar auf 7.000 und sogar 9.000 Dollar an. In den drei mageren Monaten aber schafften es die Brotverdiener nur auf 3.000 Dollar.