ZEIT ONLINE: Herr Weselsky, das Bundesverfassungsgericht hat das Gesetz zur Tarifeinheit gebilligt, womit gerade Spartengewerkschaften wie ihre Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer geschwächt werden. Ist die GDL jetzt am Ende?

Claus Weselsky: Nein, Karlsruhe hat das Gesetz zwar bestätigt, aber auch an entscheidenden Stellen eingeschränkt. In den Fragen der Koalitionsfreiheit und des Arbeitskampfrechts ist es entschärft worden. Der existenzbedrohende Angriff, den die sozialdemokratische Arbeitsministerin Andrea Nahles ausgeführt hat, ist erst einmal abgewehrt. Die GDL macht ihre Tarifpolitik weiter und schafft Flächentarifverträge für Lokführer und Zugbegleiter.

ZEIT ONLINE: Das klingt fast, als seien Sie zufrieden mit dem Ergebnis?

Weselsky: Nein, das sind wir nicht. Wir hätten uns gewünscht, dass das Tarifeinheitsgesetz ganz wegkommt. Es ist ein Hindernis für kleinere Gewerkschaften, aber so wie wir aufgestellt sind in den einzelnen Betrieben, müssen wir keine Angst haben. Es wird auch nicht durch die Hintertür mit diesem Gesetz das Streikrecht eingeschränkt.

ZEIT ONLINE: Sie sehen sich also durchaus noch in der Lage, einen eigenen Streik durchzusetzen?

Weselsky: Genau das hat ja das Bundesverfassungsgericht gesagt, dass es keine Einschränkung gibt beim Arbeitskampfrecht, auch kein erhöhtes Haftungsrisiko für die Gewerkschaften, wenn sie in den Arbeitskampf gehen. Wir können unseren Tarifvertrag also auch weiterhin erzwingen. Wenn dann später ein Arbeitsgericht feststellt, dass wir die kleinere Gewerkschaft sind, dann sei das mal dahingestellt. Dieses Gesetz kann einen Streik nicht verhindern.

ZEIT ONLINE: Sie würden es also darauf ankommen lassen?

Weselsky: Wir sind in den Eisenbahnunternehmen gut etabliert und haben überall einen Flächentarifvertrag verankert. Die Arbeitgeber entscheiden ja, ob sie mit uns weiter tarifieren wollen oder nicht. Wenn ein Arbeitgeber sagt, mit Euch möchte ich keinen Tarifvertrag mehr abschließen, dann kann es auch dazu kommen, dass wir eine Auseinandersetzung pflegen müssen.

ZEIT ONLINE: Die Deutsche Bahn hat schon angekündigt, über die künftige Zusammenarbeit "im Sinne des Urteils" mit Ihnen sprechen zu wollen. Was halten Sie davon?

Weselsky: Wir sind zu Gesprächen bereit, wenn wir auf Augenhöhe mit einer anderen Gewerkschaft kooperieren können. Wenn aber wie 2014 von uns verlangt wird, sich einem Diktat zu unterwerfen, werden wir uns zu wehren wissen. Das wird das Land schon erleben, dass die Lokführer genügend Durchblick haben.